2007/08

Weg vom 40 Punkte Denken

Mannschaft, Trainer und Management wollten nach Ende der Saison 2006/07 das Spieljahr nicht schlecht reden lassen. Dass gute Ansätze vorhanden waren, aber die Konstanz und vor allem ein Knipser fehlten, wurde erkannt. Manager Hochstätter bekam nun Geld in die Hand (davon war durch die Merte-Millionen und den WM-Überschuss genug da) und zog für 4,5 Mio Euro Mike Hanke aus Wolfsburg an Land. Teuerster Transfer der Clubgeschichte. Außerdem wurde mit Christian Schulz gute Bundesligaqualität aus Bremen geholt und mit Benny Lauth (5 A-Länderspiele) eine einstige deutsche Stürmerhoffnung, von der man sich in Hannover einen zweiten Frühling erhoffte. Dazu kam mit Sergio Pinto ein variabler bundesligaerprobter Spieler, den Hecking aus Aachen kannte und schätze, und noch ein paar Ergänzungsspieler mit der Hoffnung auf mehr à la Gaetan Krebs und Thomas Kleine.

Für das Trainingslager hatte ich diesen Sommer leider keine Zeit (wie schon im Vorjahr war es im schönen Kärnten), dafür führte mich die Sommerpause zweimal nach Leipzig. Zunächst zum DFB-Fankongress, eine Veranstaltung über das ganze Wochenende, bei der außer Völlerei auf Verbandskosten und viel Gelaber auch Sinnvolles bei rum kam. Theo Zwanziger hinterließ für einen DFB-Schergen einen gar nicht so weltfremden und unsympathischen Eindruck und im Bereich der Stadionverbote sollte sich tatsächlich was tun. Die Höchstdauer wurde von 5 von 3 Jahre gesenkt und es gab den ausdrücklichen Hinweis an die Vereine, dass Verbote nur bei schweren Vergehen mit 3 Jahren sanktioniert werden sollten und dass Verbote auch zur Bewährung ausgesetzt werden können.

Die zweite Reise führte zum Testspiel von 96 beim FC Sachsen Leipzig. Der Kick sollte eigentlich bereits im Januar im Zentralstadion stattfinden und wir saßen schon alle am ZOB im Bus, als wir die Info bekamen, dass Orkan Kyrill den Veranstalter zur Spielabsage zwang. Nun wurde es nachgeholt, allerdings im Alfred-Kunze-Sportpark. Zweifelsohne ein besserer Spielort, aber das Zentralstadion fehlt dadurch weiterhin in der Stadionsammlung, während der Sportpark in Leutzsch bereits zweimal zuvor besucht wurde. Für das Highlight der Vorbereitung waren 120 mitgereiste Hannoveraner nicht so überzeugend, aber wenigstens genug, um sich der prophezeiten und eingetretenen Angriff der Leipziger Fußballgewalttäter vor und nach dem Spiel zu erwehren. Mangels Catering wurden 20 Pizzen in den Gästeblock bestellt und ein lockeres 3:0 der Profis aus Hannover in diesem wunderbaren Oldschool-Stadion bewundert (Zuschauer übrigens insgesamt 5.900. Die Roten ziehen!).

Danach wurde das Freundschaftsturnier mit dem VfL Osnabrück, VfL Wolfsburg und dem BTSV Eintracht selbstredend boykottiert. Das taten alle relevanten Fangruppen der Vereine, aber dennoch waren 30.000 Zuschauer ins Niedersachsenstadion gepilgert, um dieses einmalige Event, initiiert von den Sparkassen, dem NFV und dem Land Niedersachsen, zu sehen. Ohne Stimmung und sportlich auch niveauarm, dürfte kaum einer Freude gehabt haben und die Pläne das Turnier jährlich stattfinden zu lassen, verschwanden wieder in der Schublade. Da war das kommende Testspiel schon wieder interessanter. Der Rangers F.C. aus Glasgow hatte für sein Sommertrainingslager die ehemals britisch besetzte Zone gewählt und spielte gern auch in Hannover. 1.500 Briten kamen größtenteils extra für dieses Spiel nach Hannover (der Rest war militärisch in NRW oder Niedersachsen stationiert) und sahen ein 1:0 von 96 gegen den schottischen Rekordmeister.

Es folgten Siege gegen Enschede (diesmal in Ilten) und Köln (im Trainingslager), ehe das nächste Highlight der Vorbereitung voller Highlights anstand. Real Madrid gastierte im Niedersachsenstadion. Veranstalter war nicht 96, sondern eine Agentur, die das Ganze unter dem Label „Summer of Champions“ vermarktet. Muss sich anscheinend lohnen, denn trotz ambitionierter Eintrittspreise und TV-Übertragung war das Stadion ausverkauft. Die Königlichen locken eben nochmal ganz andere Charaktere ins Stadion als 96. Bezahlt hatten die zahlreichen deutschen Träger von Real Madrid Trikots eigentlich für eine Gala der Galaktischen, aber da wurde die Rechnung ohne 96 gemacht. Huzsti, Thorvaldsson und Lauth erzielten die Treffer beim 3:0 Kantersieg über die Königlichen. 96 spielte den spanischen Rekordmeister überraschend total an die Wand und Jiri Stajner und Co zauberten teilweise, dass man Angst haben musste, dass der internationale Wanderzirkus aus Madrid die Jungs gleich vom Rasen weg verpflichtet.

Nach der Gala gegen Real hatte der kommende Deutsche Meister eine Pflichtaufgabe in Ahlen zu erledigen. 3:1 bei hochsommerlichen Temperaturen wurde RW Ahlen in der 1.Runde des DFB-Pokals geschlagen. Die Bundesliga konnte beginnen und mit dem Hamburger SV kam ein Lieblingsgegner zum Auftakt nach Hannover. Eine unverständlich defensive Taktik von Hecking mündete allerdings in einer 0:1 Niederlage. Da hatten die Hamburger bei der anschließenden Hamburg-Hannover-Bielefeld-Party im Fanhaus etwas mehr zu feiern als wir.

Das erste Auswärtsspiel führte gleich zum Aufsteiger Karlsruher SC und das auch noch Freitagabend. Wie zu besten 2.Liga-Zeiten. Die Fanszene füllte zwei Busse und Hanke und Balitsch drehten ein 0:1 zur Pause in einen 2:1 Auswärtssieg. Ein Bus fuhr nun durch nach Hannover, um dort den Sieg zu feiern, der andere hatte noch Termine in Frankfurt-Sachsenhausen.

Gästeblock beim FCB
Gästeblock beim FCB

Am 3.Spieltag musste 96 gleich wieder auswärts ran und hatte diesmal bei den Bayern nichts zu lachen (0:3). Ein 3:2 danach gegen den VfL Bochum (gegen seinen Ex-Club wurde Vahid Hashemian ganz nostalgisch und köpfte einen seiner wenigen Treffer für 96) und ein 2:2 in Nürnberg komplettierten den mittelmäßigen Saisonstart. Ein 0:3 gegen Bayer 04 brachte uns dann schon der Abstiegszone recht nahe. Die Euphorie war mittlerweile recht gedämpft, als es in der englischen Woche nach Bielefeld ging. War der ideale Termin für eine Vater-Sohn-Tour und mein alter Herr sorgte sich bei diesem Spiel sehr um unseren heute aus dem Vorruhestand zurückgekehrten Capo Ati MC, der das ganze Ballfangnetz hochkraxelte und von dort den Mob einheizte. Stabil war das Netz nämlich nicht, aber unser Spiderman konnte sich oben zum Glück mit Kabelbindern professionell sichern. Sein Einsatz war der Mannschaft ein Vorbild und sie gewannen 2:0.

Hannovertypisch wollten das kommende 2:1 gegen den MSV Duisburg nicht mal 30.000 Zuschauer sehen. Dieser Sieg und der kommende 3er in Stuttgart (2:0) ließen 96 allerdings wieder ordentlich klettern. Ein 2:2 gegen den VfL Wolfsburg und ein 0:0 in Frankfurt festigten den jüngst errungenen Platz 6. Schlechte Laune war erst wieder nach dem Pokalaus auf Schalke angebracht (2.Runde Schalke auswärts ist einfach undankbar). Aus Rache überholte 96 die Knappen wenige Tage später dank eines 2:1 Sieges gegen BVB in der Bundesligatabelle.

Gästeblock in Stuttgart
Gästeblock in Stuttgart

Es entsprach nun dem Trend der letzten Jahre, dass jeglicher Höhenflug sofort jäh gestoppt wird. In Berlin verlor 96 mit 0:1 und eine direkte Revanche für das Pokalaus gelang der Hecking gegen S04 auch nicht (2:3). Nun war man wieder auf Platz 8 und dachte, joar, da gehören wir auch hin. Folglich fertigte 96 erst den FC Hansa in Rostock 3:0 ab und spielte danach ein Wahnsinnsspiel gegen den Tabellenzweiten Werder Bremen, welches 4:3 gewonnen wurde. Es ging hin und her in dieser irren Partie. 0:1 durch Rosenberg in 10.Minute und die Pessimisten rechneten bereits mit einem Debakel, doch Mike Hanke wollte heute in nur einem Spiel seinen teure Verpflichtung rechtfertigen. Er glich in der 12.Minute aus und legte in der 20.Minute Baumanns Eigentor zum 2:1 auf. Nur eine Minute machte er aus dem 2:1 ein 3:1, aber Diego konnte mittels Foulelfmeter noch vor der Pause auf 3:2 verkürzen. Nach der Pause besorgte Rosenberg den Ausgleich für Werder (54.min) und das Spiel drohte zu kippen. Doch nicht mit GTI-Mike, der in der 77.Minute den endgültigen Siegtreffer zum 4:3 schießt. Ein geiler Fußballtag! Danke, Hanke.

Choreo gegen Werder
Choreo gegen Werder

Hannover war jetzt 5. in der Tabelle und jeder dürfte ahnen was nun kommt. Richtig, der eigentliche Pflichtsieg beim Tabellenletzten in Cottbus ging mächtig in die Hose und 96 wurde mit 1:5 in die Winterpause geschickt. Ein Debakel! Natürlich war der 7.Tabellenplatz aller Ehren wert und das ganze Kalenderjahr 2007 war punktemäßig top (51 Punkte), aber dieses ewige Kratzen am Europapokal zehrte fast so sehr an einem wie der Abstiegskampf. Wenigstens war Cottbus noch das ideale Sprungbett nach Berlin zu einer Party der Harlekins, um dort alkoholgeschwängert auf andere Gedanken zu kommen.

VM99 in Berlin
VM99 in Berlin

Wieso nicht die nötige Konstanz drin war, war bereits im Winter offensichtlich. Eine Innenverteidigung mit Vinicius, Fahrenhorst, Zuraw und Kleine war natürlich nicht europapokaltauglich und im Sturm waren Lauth (21 Spiele, 0 Tore) und Hashemian (20/1) neben Hanke nicht ausreichend. Ergo schaute sich Hochstätter im Winter mal um. Für den Sturm gab der Markt im Winter leider nichts Brauchbares her, aber mit Valerien Ismael konnte ein (langer verletzter) Klassemann für die Innenverteidigung von der Bayernbank verpflichtet werden. Allerdings hatte Ismael sogleich einen schlechten Start beim Höhepunkt der Winterpause, denn im Testspiel am Millerntor verschuldete er beide Gegentore gegen den FC St.Pauli. Eine Ansetzung, die die Polizei wenig überraschend den ganzen Tag über auf Trab hielt und spätestens nach Spielschluss verloren sie die Hoheit über die Lage.

Kleine Fanaktion gegen die Bayern
Kleine Fanaktion gegen die Bayern

Der Rückrundenauftakt, der 96 zwei Wochen später wieder nach Hamburg führen sollte, war natürlich ein friedlicher Kontrast zum Gastspiel in der Hansestadt zuvor. Kein Wunder, trafen doch heute die Fanlager aufeinander, die gegen St.Pauli beim Testspiel gemeinsame Sache gemacht hatten. Freundschaftlich trennten sich deren Mannschaften nun 1:1. Ein Ergebnis, dass man eine Woche später gegen den KSC verdoppeln konnte (2:2). Einen in dem Fall Punktgewinn  gegen die Bayern, hätte man für das nächste Spiel auch sofort unterschrieben, aber natürlich kam es anders und man kam 0:3 (3x Luca Toni) unter die Räder. Und auch bei Bayerns Freunden vom VfL Bochum setzte es auswärts ein 1:2. Der Rückrundenauftakt war also misslungen. Mach es gut Europapokaltraum!

Choreo gegen Nürnberg
Choreo gegen Nürnberg

Im kommenden Heimspiel gegen 1.FC Nürnberg widmete sich die Fanszene des Tabellenzehnten aus Hannover wieder dringenderen Themen, nämlich Stadionverboten. Die Konterfeis diverser Stadionverbotler wurden auf Doppelhalter gepinselt und dazu gab es das Spruchband „Wir stehen hinter euch“. Deutete fast jeder als Choreo für die Mannschaft, obwohl optische Ähnlichkeiten eigentlich nicht mal mit Fantasie auszumachen waren. Nun denn, die Mannschaft fühlte sich wohl auch angesprochen und dankte den Rückhalt mit einem 2:1 Sieg.

Duisburg Hauptbahnhof
Duisburg Hauptbahnhof

Ein 0:2 in Leverkusen und ein 2:2 gegen Bielefeld setzten den Mittelmaß-Kurs fort und die bisher langweilige Rückrunde bot endlich wieder ein Highlight. Es ging wieder nach Duisburg. Wie schon bei den beiden letzten Pflichtspielen in Duisburg setzten wir das Spiel unter das Motto „Wie falle ich am wenigstens in Duisburg auf?“. Die ganzen Outfits waren aller erste Sahne und Hin- und Rückfahrt waren an Heiterkeit kaum zu überbieten. Das enttäuschende 1:1 war nur Nebensache und ich fragte mich viele andere, was die Mannschaft wohl gedacht haben muss, als sie nach Schlusspfiff in die Kurve zum abklatschen kam? MSV Duisburg, wenn du erwartungsgemäß absteigst, darfst du gerne wieder aufsteigen.

Wie falle ich am wenigsten in Duisburg auf?
Wie falle ich am wenigsten in Duisburg auf?

So trist wie Duisburgs Stadtbild ging der Ligaalltag weiter. Auf einem traditionellen Sonntag gab es ein 0:0 gegen den VfB Stuttgart und in Wolfsburg setzte es eine 2:3 Niederlage. Passenderweise wurde am 112.Geburtstag des Hannoverschen Sportvereins mal wieder gewonnen (2:1 gegen Eintracht Frankfurt) und als dann auch noch der BVB 3:1 geschlagen wurde, verließ 96 doch tatsächlich nochmal den 10.Platz, auf dem man es sich wochenlang gemütlich gemacht hatte. Plötzlich war wieder Kampf um den UI-Cup angesagt und selbstverständlich vergab 96 den just erspielten Matchball wieder. Es reichte zuhause nur zu einem 2:2 gegen Hertha.

Der Mob trifft sich zur Fahrt nach WOB
Der Mob trifft sich zur Fahrt nach WOB

Das 1:1 auf Schalke brachte 96 auch kein Yota voran, doch dann gewinnt man 3:0 gegen Hansa und die Konkurrenz patzt und plötzlich sind es wieder nur zwei Punkte zum goldenen 6.Platz. Was jetzt passierte, war natürlich jedem klar. Am nächsten Spieltag, dem 33., wurde 96 in Bremen mit 1:6 so richtig weggeflankt und Platz 6 war endgültig außer Reichweite. Wenigstens war das Auswärtsspiel in Bremen eines der wenigen fantechnischen Highlights in dieser Saison. Man hatte einen eindrucksvollen Marsch vom Bahnhof zum Stadion durchgeführt und bis der Ball rollte viel Optimismus versprüht.

Corteo durch Bremen
Corteo durch Bremen

Der letzte Spieltag war nun ohne jeden Thrill und wurde locker flockig mit 4:0 gegen Energie Cottbus gewonnen. Platz 8, 49 Punkte und die beste Bundesligaplatzierung seit 1965. Eigentlich sollte man hoch zufrieden sein mit dieser Saison, aber wenn nur zwei Punkte auf Platz 6 fehlen und fünf auf Platz 5, denkt man an die vielen Punkte, die liegen gelassen wurden. Die letzten Jahre kam man immer in Tuchfühlung mit zumindest dem UI-Cup, aber immer hieß es; Nur gucken, nicht anfassen! Schon frustrierend, auch wenn man mittlerweile ein etablierter Bundesligist ist und sich freuen sollte, dass der Abstiegskampf weit weg ist. Nun ja, der Hecking Dieter gab uns noch mit auf den Weg, dass sie kommende Saison die noch fehlenden Punkte holen werden. Mit seinen Worten im Ohr ging es ins Fanhaus zur Saisonabschlussparty der Fanszene.

Saisonabschluss am Fanhaus
Saisonabschluss am Fanhaus

49 Punkte / Platz 8 / 18 Punkte auf Platz 16 / 5 Punkte auf Platz 5 / 54:56 Tore / Meiste Auflaufprämien kassiert: Robert Enke (34x) / Meiste Torprämien kassiert: Mike Hanke und Szabolcs Huszti (je 10x) / Zuschauerschnitt: 40.086

Moin: Mike Hanke (VfL Wolfsburg), Thomas Kleine (Greuther Fürth), Gaetan Krebs (Spotfreunde Siegen), Benjamin Lauth (VfB Stuttgart), Sergio Pinto (Alemannia Aachen), Christian Schulz (Werder Bremen), Salvatore Zizzo (O.C. Blue Stars), Valerien Ismael (Bayern München).

Tschüss: Christoffer Andersson (Helsingborgs IF), Erik Jendrisek (1.FC Kaiserslautern), Timo Nagy (SpVgg Unterhaching), Sören Halfar (SC Paderborn), Thomas Kleine (Borussia Mönchengladbach), Silvio Schröter (MSV Duisburg), Gunnar Heidar Thorvaldsson (Valerenga IF), Thomas Brdaric (Laufbahn beendet).