Euregio Maas-Rhein 12/2010

11.12.2010
Roda JC Kerkrade – FC ADO Den Haag 1:1
Eredivisie (I)
Parkstad Limburg Stadion (Att: 12.900)

In der Vorweihnachtszeit war es an der Zeit für einen Familienbesuch im Dreiländereck Deutschland, Belgien, Niederlande. Rund um Aachen sind die Übergänge zu den beiden Nachbarländern wirklich fließend. In der Aachener Püngelerstrasse ist der ALDI an der Grundstücksgrenze schon auf niederländischem Territorium. Das niederländische Vaals und der Aachener Ortsteil Vaalserquartier sind quasi eins geworden und vom Aachener Preuswald spaziert man auch nur ein paar Hundert Meter durch den Wald und ist im belgischen Kelmis. Und grenzübergreifender Nahverkehr verbindet die ausländischen Nachbargemeinden heutzutage mit der deutschen Grenzstadt. Schön, wie Europa dort zusammengewachsen ist.

Wilhelminatoren
Wilhelminatoren

Alle drei Staaten treffen sich auf dem Vaalserberg am Drielandenpunt. Der niederländische Teil des Berges ist auch gleich die höchste Erhebung (322,7m) der Niederlande, zumindest im europäischen Teil des Königreichs. Klar, dass unsere Nachbarn auch gleich noch einen Aussichtsturm (den Wilhelminatoren) auf ihren Everest gebaut haben, mit in der Tat schöner Aussicht und einem Skywalk aus Glas in luftiger Höhe. Die Belgier haben ebenfalls einen Turm auf ihren Teil des Berges gebaut, den Tour Baudouin, wenngleich ihr Land noch höhere Erhebungen mit bis zu 694 Meter ü. NN vorweisen kann. Neben den Aussichtstürmen und den Frittenbuden, lockt auch noch ein Heckenlabyrinth Besucher an. Jenes ist wirklich nicht so leicht zu durchqueren und die Erstbezwingung kann schon mal bis zu einer Stunde Zeit in Anspruch nehmen oder gleich ganz scheitern.

As high as you can get in Holland
As high as you can get in Holland

Nach dem touristischen Programm lockte das Abendspiel von Roda Kerkrade gegen ADO Den Haag im Parkstad Limburg Stadion. Kerkrade liegt wenige Kilometer nördlich von Aachen und grenzt direkt an das deutsche Herzogenrath. Hier verläuft die Staatsgrenze teilweise parallel mit der Fahrbahnmarkierung der Straßen, so dass die Häuser der einen Straßenseite niederländisch und die auf der anderen Straßenseite deutsch sind. Teilweise hat man dann auch unterschiedliche Straßenschilder in ein und der selben Straße (je nachdem auf welcher Straßenseite das Schild steht). Herzogenrath und Kerkrade (Kirchrath) waren schon früher eins und wurden 1815 getrennt. Gut 200 Jahre später wächst die Gemeinde unter dem Namen Eurode wieder zusammen. Es ist eine niederländisch-deutsche Modellkomune, in der gemeinsame Schulen besucht werden und die Polizeistation des Ortes direkt auf der Grenze steht.

Parkstad Limburg Stadion
Parkstad Limburg Stadion

Es überrascht wenig, dass die Fans der Vereine Alemannia Aachen und Roda Kerkrade in inniger Freundschaft verbunden sind. Teilen sie sich doch die Vereinsfarben und das Einzugsgebiet, aber stehen dennoch nicht in sportlicher Konkurrenz. Daher sah man auch einige Fans in Alemannia-Schals im Stadionumfeld. Das Stadion liegt rund 6 km von Kerkrades kleiner Innenstadt entfernt, die wiederum nicht mit vielen sehenswerten Bauwerken gesegnet ist. Daher hielten wir uns auch nicht lange dort auf und waren recht zeitig im Stadion. Karten gab es für 10€, lediglich die Clubkaart musste zuvor erworben werden für 5€. So kostete dieses Spiel uns 15€ auf dem günstigsten Sitz. Die Clubkaart, die uns bald postalisch zugeht, ist allerdings bis 2015 gültig, so dass in Zukunft nur der reguläre Kartenpreis anfallen würde. Das System ist natürlich nicht schön, denn Vereine und Polizei in den Niederlanden haben so alle Daten der Kartenkäufer bei Auswärts- und Heimspielen. Und bei Auswärtsspielen gibt es die Karten dann auch nur mit vorgeschriebener Anreise. Im Nachbarland ist man leider ein gläserner und reisebeschränkter Fan oder man muss draußen bleiben.

Inside Stadium
Inside Stadium

Viele Gästefans aus Den Haag, die alle mit organisierter Busanreise direkt in den Gästekäfig gefahren wurden, waren auch nicht gerade am Start. Kein Wunder bei diesem fanfeindlichen Procedere. Ihr Club hat die Farben grün-gelb, aber anstatt einen Kanarienvogel haben sie einen Storch im Emblem. ADO steht für Alles Door Oefening (Alles durch Übung) und besonders viel geübt haben sie wohl während der deutschen Besatzung in den 40er Jahren, denn dort gelang ihnen 1942 und 1943 der Gewinn der niederländischen Fußballmeisterschaft. In friedlicheren Zeiten haben sie 1968 und 1975 den niederländischen Pokal geholt. In jener zweiten sportlichen Hochphase vertrieb man sich auch die Sommerpause 1967 unter dem Namen „San Francisco Golden Gate Gales“ in Nordamerikas erster Profiliga „United Soccer Association“. Dort kickten damals nur gemietete Kader von europäischen und südamerikanischen Profiteams und spülten so Extrageld in die Vereinskassen und Spielertaschen.

Floodlight Match
Floodlight Match

Die letzten Jahre waren weniger glorreich und man spielte eigentlich nur in der unteren Tabellenhälfte der 1.Liga oder zweitklassig. Die aktuelle Saison läuft etwas besser (man steht zur Zeit auf einem passablen 8.Platz), aber jubeln durften heute zunächst nicht die 200 Gästefans, sondern nach 9 Minuten Hausherr Roda durch ein Tor von Janssen. Und hinter sich greifen musste leider nicht mehr Torhüter Stefan Postma, sondern sein Nachfolger Gino Coutinho. Postma hatte vor wenigen Jahren den Namen ADO Den Haag (beiläufig) weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Aber nicht durch sportliche Erfolge, zu denen er den Club führte, sondern durch ein pikantes Sex Tape. Dabei wird sein After von seiner Ex-Freundin mit einem Umschnalldildo penetriert und ihm soll das angeblich sichtbar gefallen. Wäre er noch immer Keeper von ADO, hätten wir heute garantiert wieder den Lieblingssong der gegnerischen Fans ihm gegenüber gehört (De Keeper van Den Haag, van Den Haag, heeft en Dildo in z’n maag. Dat is toch, dat is toch, dat is toch niet gezond. Zo’n dildo, zo’n Dildo, zo’n Dildo in je kont…). Doch so besangen die Kerkrader nur ihren Club.

Blick auf die Gegengerade

Der wiederum war noch nie Meister (lediglich einer der Vorgängervereine, Rapid JC, gewann ’59 den Titel), aber Mitte der Neunziger mal nah dran. Erfolgstrainer damals war ein gewisser Huub Stevens, der die Mannschaft in den UEFA-Pokal führte, dort in der 1.Runde an Schalke 04 scheiterte, daraufhin zu den Knappen wechselte und mit denen sogleich den Wettbewerb anno 1997 gewann. Dafür holte Roda 1998 und 2000 den niederländischen Pokal, bevor es ab 2001 leider bergab ging. Es gelang keine Qualifikation mehr für den internationalen Wettbewerb und das Abstiegsgespenst wurde zum Dauergast. Das schicke reine Fußballstadion in dem wir heute zu Gast waren, wurde 2000 eröffnet und dessen Refinanzierung (Baukosten 40 Mio Euro) wurde im sportlichen (und damit auch finanziellen) Tiefflug schwierig. Das gipfelte in Fusionsplänen mit dem Nachbarn Fortuna Sittard, dem Erzfeind der Roda-Anhänger. Als Sporting Limburg sollte der Club an den Start gehen, mit der Provinz Limburg als Finanzier. Die öffentliche Hand blieb aber nach gründlicher Prüfung des Wagnisses doch verschlossen und ohne Finanzspritze wurden die Fusionspläne bei den Fans und Mitgliedern noch schwieriger vermittelbar. Der harte Kern (auch bei Fortuna Sittard) war sowieso ganz strikt dagegen und zog zwischen friedlich und gewalttätig alle Protestregister.

Hintertortribüne

Diese unruhigen Zeiten waren gerade erst wenige Monate her. Der Club beschloss 2009 endgültig allein zu bleiben, aber die existenziellen Finanzsorgen blieben natürlich und diesen Sommer konnte die Pleite nur durch ein Millionen-Darlehen der Stadt Kerkrade abgewendet werden. Die ist nun 37%iger Teilhaber des Stadions und taucht offiziell im Vereinsnamen auf (Roda JC Kerkrade). Vorher hieß der Club nur Roda JC, wenngleich Roda Kerkrade, besonders in Deutschland, eine gängige Bezeichnung war. Hierzulande hängt man ja zwanghaft an jeden Vereinsnamen die Stadt hintendran (siehe Arsenal London oder Celtic Glasgow…). Na ja, der neue Suffix war den lokalpatriotischen Roda Supporters jedenfalls wesentlich leichter zu vermitteln als „Sporting Limburg“. Gut für den Club, denn wenn man schon keine Kohle hat, braucht man wenigstens eine treue Fanbasis.

So genanntes Selfie

Deren heutiger Jubel (und Armin van Buurens Sound aus den Boxen) war kaum verhallt, da knallte Den Haags Dmitri Bulykin (ehemals Bayer 04 Leverkusen) dem polnischen Roda-Keeper Przemyslaw Tyton sein bereits 12.Saisontor in die Maschen. Ausgleich! Und mal etwas Lärm und Fahne schwenken im Gästeblock. Wir erträumten uns bereits gute 80 Minuten weiteren Torreigen am heutigen Abend, aber das wurde gänzlich enttäuscht. Tyton war fortan ein Titan und Coutinho ’ne echte Katze. Nichtsdestotrotz spielte besonders Roda einen technisch guten Ball. Man merkte, dass sie in der Tabelle knapp über ADO rangieren und dieses Jahr endlich wieder im Aufschwung sind. Sie haben erst zwei Niederlagen kassiert und überwintern trotz des heutigen Remis auf Tuchfühlung zu den EL- und CL-Rängen. Dass es ausgerechnet nach der gescheiterten und zuvor als alternativlos propagierten Fusion mit dem Erzfeind wieder aufwärts geht, ist ’ne schöne Geschichte.

Großer Bahnhof
Großer Bahnhof beim Einlauf

Nach Abpfiff kämpften mein Bruder und ich uns bei eisigen Temperaturen zum Auto zurück und nahmen wieder Kurs auf Aachen, wo Frau Mutters Mitternachtssuppe auf uns wartete. Die Zeit bis zum üppigen Sonntagsfrühstück wurde danach mit etwas Schlaf überbrückt und danach ging’s wieder on the road. Heutiges Ziel in der Euregio: Monschau. Und dieses Städtchen ist ein echtes Kleinod. Eingebettet in die Berghänge der Eifel, im Tal des Flusses Rur, warteten 330 denkmalgeschützte Gebäude auf uns. Und dieses Wochenende war auch noch der jährliche Weihnachtsmarkt, bei dem das 12.000 Einwohner Städtchen aus allen Nähten zu platzen droht.

Malerisches Monschau

Für meinen Geschmack war natürlich schon wieder zuviel los. Es macht keinen Spaß sich durch die Menschenmassen zu drängeln und an jeder Bude ewig zu warten. Genauso war die Gastronomie im Warmen heute proppenvoll und irgendwann wollte man sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ja doch mal aufwärmen. Nun denn, die tolle Fachwerkbebauung entschädigte für die Widrigkeiten. Diese bereits erwähnte Lage im Tal, die rauschende Rur, eine Burg thronend über der Stadt und die engen, verwinkelten Altstadtgassen; das war heute eine neue Episode von Bilderbuch Deutschland.

Die Rur schlängelt sich durch den Ort

Um dem Trubel im Stadtkern etwas zu entfliehen, spazierten wir bergauf in den Nebenstrassen des Ortes, die nicht minder pittoresk waren. Vom Berg hatte man dann einen tollen Panoramablick über Montjoie, wie der Ort bis 1918 offiziell und bis heute im lokalen Dialekt heisst. Die Montjoier sprechen eine Varietät des Ripuarischen, welche sich nochmals ein wenig vom Öcher Platt, was in Aachen gesprochen wird, unterscheidet. Mit der hochdeutschen Standardsprache hat das nicht viel zu tun, hört sich aber immer recht witzig an. Da sind die Rheinländer dann doch ungewollt witzig, während ihr blöder Karnevalshumor mich alles andere als begeistern kann.

Winterlicher Ausblick

Als die Dämmerung am heutigen Sonntag einsetzte, brachen wir aus Monschau auf. Frau Mutter wurde wieder in den Norden der Städteregion Aachen gebracht, der nicht so schön wie der Süden ist (von Würselen bis hoch nach Mönchengladbach finde ich die Region weder landschaftlich noch architektonisch so schön wie Aachen selbst und die südlichen Gemeinden à la Monschau oder Stolberg). Und danach ging es wieder mit Vollgas nach Hause. Diese Region wird uns in Zukunft familiär bedingt öfters sehen. Gar nicht so verkehrt aus touristischer und fußballerischer Sicht eine Basis im Dreiländereck zu haben.

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