London und Cardiff 01/2013

12.01.2013
Cardiff City FC – Ipswich Town 0:0
Championship (II)
Cardiff City Stadium (Att: 22.724)

Im Januar 2013 sollte ich das neue Fußballjahr mit einer weiteren Reise nach Wales einläuten, denn das Auslandssemester meines Freundes Schirm neigte sich dem Ende entgegen. Diesmal stand Championship-Tabellenführer Cardiff City auf dem Programm und den viertägigen Trip wollte ich nun direkt von Hannover in Angriff nehmen, was dank fairer Preise von Germanwings auch realisiert werden konnte (60€). Die Lufthansa-Tochter brachte mich am Freitagmorgen binnen 75 Minuten von Hannover nach Stansted, von wo genau wie im Oktober des Vorjahres mit der Bahn nach Cardiff gereist wurde. Da mein Zeitpolster allerdings sehr großzügig kalkuliert war und ich aufgrund eines Super-Sparpreises an einen bestimmten Intercity am Vormittag gebunden war, hatte ich nun mehrere Stunden Luft in London.

Reste der römischen Stadtmauer
Reste der römischen Stadtmauer

Gibt natürlich schlimmere Orte als diese Weltmetropole, um Zeit totzuschlagen. Und so wandelte ich nach Ankunft an der Liverpool Street auf den Spuren des alten Londoniniums. Ich suchte zunächst die Reste der London Wall auf. Mit dieser Stadtmauer befestigten die Römer um 200 n. Chr. ihr Londinium zum Schutz vor den barbarischen Stämmen der Insel. Und ich besuchte die Überreste des Mithras-Tempel (aus der selben Zeit wie die Wall) unweit der Bank of England. Bank of England ist ein gutes Stichwort, denn heute ist die City of London einer der größten Finanzplätze der Welt. In Londons kleinsten Stadtteil (nur rund 7.000 Einwohner auf 2,9km²) strömen jeden Werktag über 300.000 Menschen, um in den historischen Bankgebäuden und noch viel mehr in den modernen Wolkenkratzern ihr Geld zu verdienen.

City of London
City of London

Aber neben den modernen Wolkenkratzern gibt es noch genug alte Bausubstanz, wo besonders die Guildhall, die Bank of England, der Old Bailey, der Royal Exchange und natürlich die St. Pauls Cathedral herausstechen. Die meisten der heute sehenswerten historischen Gebäude wurden nach dem großen Brand von 1666 gebaut, der über 80% der City of London vernichtete. Zusammen mit dem brutalistischen „Barbican Estate“ (wo über die Hälfte der Einwohner der City lebt) und Wolkenkratzern wie dem „The Gherkin“ bilden sie eine interessante Mischung. Und das London-Muss namens Tower und Tower Bridge ist ja auch nicht weit.

St. Paul's Cathedral
St. Paul’s Cathedral

Als ich Cardiff am frühen Nachmittag erreichte, nahm mich am Bahnhof mein Gastgeber Schirm in Empfang und wir marschierten sogleich in den „Prince of Wales“. Never change a running system! In seinem Reihenhäuschen waren schon zwei der vier Mitbewohner ausgezogen (das Auslandssemester näherte sich wie erwähnt dem Ende) und ich hatte eine Bleibe für lau. Das musste ich einfach nochmal ausnutzen, denn Ende Januar wird auch Schirm wieder nach Deutschland zurückkehren.

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Some Pints of Brains im Goat Major

Nachdem ich dort meine Sachen abgeladen hatte, ließen wir den Pints aus dem „Prince of Wales“ weitere in anderen bekannten Pubs folgen, wie dem „Borough“, dem „Goat Major“ und der „Rummer Tavern“. Und spätabends rief die Disco-Meile Greyfriars Road, wo die Ladys zwei einsame attraktive Typen nicht lange alleine am Tisch sitzen ließen. In diesem Cardiff muss man schon extrem schüchtern sein, um keine der extrovertierten Waliser Damen näher kennenzulernen.

„Do you want to see my boobs?“ (es war eine rhetorische Frage)

Samstag war Matchday und ich wollte mal sehen, was aus dem alten Ninian Park geworden ist. Doch zuvor ging es natürlich erstmal in einen großen Pub am Wegesrand im stadionnahen Viertel Canton. Der zweigeschossige Pub gehörte auch zur Wetherspoons-Kette und war prall gefüllt mit Trikot- und Schalträgern der Bluebirds, die mittlerweile in den Augen der Investoren die Red Dragons werden sollten. Cardiff ist ein absolutes Negativbeispiel für Investoren beim Fußball aus Sicht eines Traditionalisten. Der Malaie Vincent Tan übernahm den walisischen Traditionsclub vom Libanesen Sam Hammam und änderte die Vereinsfarben in rot-weiß und das Emblem zu einem roten (walisischen) Drachen. Zum einen soll der Club nun ganz Wales repräsentieren, um neue Kunden landesweit zu gewinnen. Zum anderen lassen sich mit roten Trikots und roten Drachen die asiatischen Märkte besser erschließen laut dem neuen Besitzer. Nun ist die Fanszene tief gespalten zwischen Glory Hunters, denen Tans Millionen einen Traditionsverkauf wert sind, und den Traditionalisten mit ihrem Slogan „Keep Cardiff Blue“. Vertrackte Situation, in die wir in Hannover trotz absehbarer Investorenöffnung hoffentlich nie schlittern.

Publife
Publife

Nun denn, zurück zum Pub. Dort dominierte ganz klar blau, aber als Spitze der Protestbewegung wirkten die Fans dort auch nicht. Einfach eine bunte Mischung Fans, die am liebsten Erfolg und Tradition hätte. Und auch am neuen Stadion, welches noch vor der Ära Tan gebaut wurde (Eröffnung 2009), stachen verschiedene Blautöne an der ansonsten recht grauen Fassade hervor. Vom alten Ninian Park war leider nur ein wunderschönes Eingangstor übrig geblieben, welches allein auf weiter Flur stand. Außerdem wurde zur Traditionspflege eine Statue von Fred Keenor, dem Kapitän der FA-Cup-Siegermannschaft von 1927 errichtet. Einem Profi der ganz alten Schule, der wirklich nichts außer rennen und tacklen konnte und für seinen bedingungslosen Einsatz geliebt wurde.

Was vom Ninian Park geblieben ist...
Was vom Ninian Park geblieben ist…

Für 26 Pfund erwarben wir dann mühelos die günstigsten Tickets der Gegengerade, nah an Spielfeld und Gästeblock-Ecke. Das Stadion war klassisch strukturiert. Hinter einem Tor der Heimfanblock, in einer gegenüberliegenden Ecke der Gästesektor, hinter dem anderen Tor ein Familienblock und die Haupttribüne war garniert mit Logen und Business-Seats. Und auf der Gegengerade in Randlage war eben ein halbwegs gutes und erschwingliches Plätzchen für den neutralen Zuschauer. Optisch war das Ganze in meinen Augen ein 0815-Neubau mit wenig Liebe zum Detail oder eigenem Charakter. Das sah für mich aus wie der Gladbacher Borussia-Park ohne Oberrang. Kein Vergleich zum alten Ninian Park.

Fred & Don
Fred & Don

Die Stimmung enttäuschte erwartungsgemäß auf ganzer Linie. Auch die wenigen hundert Gäste aus Ipswich gehörten zur stillen Sorte und von der Heimkurve kam ebenfalls kaum etwas Hörbares. In verschiedenen Ecken wurde immer mal etwas angestimmt, aber jene Gesänge verstummten schnell. Bei uns im Block sprang hier und da mal einer auf zum Anfeuern oder Pöbeln, wurde aber dann von den Stewards mit britischer Höflichkeit zum baldigen wieder Platz nehmen gebeten. Ein Trauerspiel! Und ein Torjubel blieb uns auch nicht vergönnt. Der war unser letzter Strohhalm, weil neben der Stimmung auch das Spiel mehr als fad zu genießen war. Ein 0:0 der ganz schlechten Art. Das Ipswich nicht viel reißen würde, als torärmste Auswärtsmannschaft der Liga, hatten wir geahnt, aber vom heimstarken Tabellenführer haben wir eindeutig mehr erwartet als ein paar lange Bälle in Richtung gegnerischer Strafraum.

Inside Cardiff City Stadium
Inside Cardiff City Stadium

Der Abpfiff kam einer Erlösung gleich und während fast alle 22.724 Zuschauer den Punkt anstandshalber beklatschten, beklatschten wir unsere Ausdauer, dem Ganzen 90 Minuten gefolgt zu sein. Cardiff City jedenfalls blieb souveräner Tabellenführer mit weiterhin 10 Punkten Polster auf Rang 3 und 16 Punkten auf Rang 7 (3. bis 6. spielen Aufstiegsrunde). Das roch trotz der heutigen Darbietung extrem nach Aufstieg, während die „Tractor Boys“ aus Ipswich im unteren Tabellenmittelfeld verharren. Ich musste daran zurückdenken, dass während meiner Jugendzeit in England in der Saison 1999/2000 Ipswich Town wie heuer Cardiff City um den Aufstieg in die Premier League spielte. Da einer meiner Lehrer in London großer Fan dieses Teams war, verfolgte man das automatisch mit. Ipswich Town stieg auch tatsächlich auf und wurde 00/01 erst am letzten Spieltag von den Champions League Rängen verdrängt (im UEFA-Pokal scheiterte man dann in der 3.Runde am großen FC Internazionale aus Mailand). Ob Cardiff City eine ähnliche Geschichte schreiben würde, hielt ich allerdings für mehr als fraglich.

Worthington's
Worthington’s

Um das enttäuschende Fußballerlebnis zu verarbeiten, musste natürlich abends nochmal ordentlich gefeiert werden. Wir taten es wie Eingeborene und klapperten erst einmal ein paar Innenstadtpubs ab. Irgendwann so kurz vor 8 Uhr saßen wir im „Borough“, um ein preiswertes Pint Worthington’s Creamflow (ca. 2,50€ pro Stück) zu genießen. Der Pub war wirklich gerammelt voll und um 20 Uhr ging das Licht aus und die Discobeleuchtung an. Ein DJ legte nun feinsten Northern Soul auf und Menschen, die bei der Erstveröffentlichung der Hits in der Blüte ihrer Jugend standen, tanzten nun auf der provisorischen Tanzfläche. Da unser Tisch direkt an die Tanzfläche grenzte, waren wir quasi mittendrin und man muss sagen, so manche reife Dame machte gut was her in ihrem Leopardendress. So einer adretten Endvierzigerin einen Tanzwunsch zu verwehren, ging natürlich nicht für gut erzogene Jungs. Der Milf Pub war geboren.

Auf der St. Mary Street nachts um halb drei...
Auf der St. Mary Street nachts um halb drei…

Nach dem eindrucksvollen Partyerlebnis im Milf Pub, kam uns auch nochmal in den Sinn generationsgerecht zu feiern. Wir wussten ja jetzt wo die jungen Damen der Stadt ihre Feierwütigkeit her hatten und im „Oceana“ wurde bei Hits aus den 90ern noch extrem heftig weitergefeiert. Das „Oceana“ bestach durch eine hohe Dichte super herausgeputzter Damen in sehr zeigefreudiger Garderobe. Hatte ein Mädel ’ne Jeans an, wusste man genau, dass das keine Einheimische sein kann. Das musste dann eine Touristin oder Austauschstudentin gewesen sein, z.B. aus Deutschland. Als um 3 Uhr nachts wie immer alle Clubs zeitgleich ihre Tore schlossen, begann wieder das große Spektakel. Tausende betrunkene Menschen strömen auf die Straße. Die Frischluft scheint dann endgültig alle hemmungslos zu machen. Man kann es nicht beschreiben, man muss es gesehen haben.

Love this shit
Love this shit

Nach einem gehaltvollen Full English Breakfast im universitätseigenen Pub („The Taf“) wartete Sonntag wieder die gemeinhin anerkannte Kultur auf mich. Im benachbarten Caerphilly wurde die größte Burganlage von Wales besucht (Caerphilly Castle), um anschließend in einem der zahlreichen örtlichen Pubs („King’s Arms“) die Premier League am TV-Gerät zu verfolgen. Mit Manchester United vs. Liverpool FC und Arsenal FC vs. Manchester City standen zwei echte Kracher auf dem Programm und nicht wenige Besucher des zum Bersten gefüllten Pubs zeigten sichtbar Sympathie für eines der vier Teams. Die Stimmung war auch dementsprechend besser als am Vortag im Stadion und das India Pale Ale mundete vorzüglich. Anschließend klang der Tag gemächlich in Cardiff aus, wo Sonntag der einzige Wochentag ist an dem das Nachtleben weitgehend pausiert.

Caerphilly Castle im trüben Winter
Caerphilly Castle im trüben Winter

Montag ging außer Frühstück und nochmal Bummeln durch die Einkaufsstrassen (Size?, JD und Co hatten wieder beste Sneaker im Angebot) nicht mehr soviel, da mittags der InterCity nach London fuhr (diesmal ohne Zeitpolster). Erfreulicherweise wird es im August bereits wieder in die Waliser Heimat gehen, wo aber nicht nur mangels Spielplänen der kommenden Saison kein Fußballspiel geplant ist. Der Schwerpunkt soll auf Wandern an der Küste und im Brecon Beacons Nationalpark liegen. Sollte natürlich zufälligerweise Cardiff City in der Premier League gegen Swansea City spielen, würde ich mich dem aber selbstverständlich nicht verschließen.

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