England und Wales 08/2013

Im August 2013 konnten meine Bockenemer Freunde und ich dem Lockruf der Insel einmal mehr nicht widerstehen. Eine abwechslungsreiche Woche im Süden der großen Britischen Insel sollte unser diesjähriger Sommerurlaub werden. Als Basis der Tour wurde natürlich unser geliebtes Cardiff erwählt, denn von dort aus waren attraktive Ziele in Wales und Südwestengland bequem zu erreichen. Flüge über London-Stansted von Hannover aus und ein gutes Angebot meines französichen Stammhotelbetreibers verursachten Fixkosten von wenigen Hundert Euro. Hinter den Kulissen konnte ich auch noch den Ex-Cardiffer Herrn Schirm überzeugen zumindest für das erste Wochenende nachzubuchen.

InterCity-EXpress
InterCity-EXpress

Flug und Zug waren am Anreisetag allesamt pünktlich und so konnten wir bereits unser Mittagessen im „Prince of Wales“ verzehren. In diesem Pub hatte ich dann die Aufgabe die Gruppe noch zwei Stunden zu binden, da Schirm erst später von Bremen aus flog und die anderen Jungs nicht wussten, dass er doch noch kommt. Mit dem beliebten „Ach kommt Leute, ich hole nochmal ’ne Runde“-Spielchen konnte ich der Bande zum Glück schnell ihre Check-In-Flausen austreiben und irgendwann tauchte ein junger Mann mit Rollkoffer auf und ich wurde angestupst. „Guck mal, der sieht ja aus wie Schirm… Moment mal… Näh!… Das gibt’s doch nicht!“ Die alte Crew aus dem Oktober des Vorjahres war nun wieder vereint. Cardiff, you might be offended!

Warten auf den unerwarteten Gast
Warten auf den unerwarteten Gast

Nach einer weiteren Runde Bier konnte dann wirklich ins Hotel eingecheckt werden und ein erster Stadtbummel wurde unternommen. Gleich am ersten Tag sollte das reichhaltige Shopping-Angebot der walisischen Hauptstadt einmal mehr geprüft werden. Size?, JD Sports und Co offerierten wieder mal beste Sneaker und so manche Pfundnote ging schon heute über den Verkaufstresen. Cardiffs Haupteinkaufsstrassen sind die Queen Street, die St. Mary Street und The Hayes. Und diese Strassen umrahmen in etwa die große Shopping Mall St. David’s Centre mit 203 Geschäften. Da ist wirklich für jeden was zu finden und da Cardiff eine Stadt der kurzen Wege ist, sind auch die diversen Pubs der Innenstadt nur einen Steinwurf von der Mall entfernt. Das Geld ausgeben hatte auf jeden Fall durstig gemacht und dementsprechend musste nun in Ales investiert werden. In schicken Pubs wie der „Rummer Tavern“ und dem „Goat Major“ konnte ich meine Leidenschaft für Real Ale ausleben und die anderen waren mit Lager und Cider auch ganz zufrieden.

Rechts im Bild: die Rummer Tavern
Rechts im Bild: die Rummer Tavern

Nachdem ausreichend über großes Autorenkino der 80er philosophiert war (Top Gun, Bloodsport, Red Scorpion u.v.m.), musste sich nochmal der festen Nahrung gewidmet werden. Schließlich war heute im „Prince of Wales“ Curry Club und ein bißchen exotisch gewürztes Hähnchenfleisch zum Sonderpreis lasse ich mir in Großbritannien nie entgehen. Die Skeptiker der indischen Küche kamen mit Burgern auf ihre Kosten und ich hatte mein geliebtes Chicken Balti. Ohne Loch im Bauch konnte sich nun ins Nachtleben gestürzt werden. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters von Teilen der Reisegruppe kamen wir heute leider nicht ins „Glam“, jedenfalls nicht als Gruppe. Also machten Schirm und ich auch wieder kehrt und wir gingen zusammen ins anspruchslose „Crockerton“. Das „Glam“ ist donnerstags eigentlich immer die beste Adresse, aber Spaß und was für’s Auge gab es auch nebenan in der großen Bar mit Tanzfläche, die uns nun beherbergte. Anschließend ging es in die „Live Lounge“, wo auch noch gut was los war. Ordentlicher Britpop auf die Ohren und Carling für ein Pfund in den Mund, what else you gonna do on a thursday evening?

Chicken Balti
Chicken Balti

Freitag war es schon ab morgens herrlich sonnig und nach einem Large English Breakfast spazierten wir die 2km vom Stadtzentrum zur Cardiff Bay. Cardiff, einst der größte Kohlehafen der Welt, investierte mehrere Hundert Millionen Pfund, um die in jeder Hinsicht vor sich hindarbende Bay Area wieder neu zu entwickeln. Nun findet man dort Uferpromenaden, Freizeitangebote, Gastronomie, einige historische Gebäude, die futuristische Nationaloper und das walisische Parlament (Wales ist teilautonom von Großbritannien). Bei ein paar leckeren Bieren genossen wir die Sonne und die Aussicht auf dem Balkon eines der Gasthäuser dort. Im Moment war nicht nur wegen des Wetters und des anbrechenden Wochenendes viel los an der Bay. Auch hatte man auf dem großen Platz des Areals, dem Roald Dahl Plass, jede Menge Sand aufgeschüttet und einen sich vor allen an Familien richtenden City Beach kreiert.

Sunny Day at Cardiff Bay
Sunny Day at Cardiff Bay

Am frühen Abend wurden noch ein paar Lebensmittel im Hotel gebunkert und dann ging es auch schon wieder auf die Piste. Der „Prince of Wales“ war wieder einmal mehr der richtige Ort für ein deftiges Abendessen und ein paar Pints bei amüsanten Gesprächen. Außerdem war ja Freitag und da tummelte sich bereits viel Vorglüh-Volk im Pub. Ein paar Pints für unter zwei Pfund lassen sich nur die wenigsten Gruppen von Feierwütigen entgehen. Wir zogen dann bereits um 22 Uhr zur Disco-Meile Greyfriars Road weiter. Heute sollte es in eine richtige Disco gehen und die Promo-Girls des „Oceana“ klebten uns bereits am Anfang der Strasse VIP-Bändchen um’s Handgelenk. Damit hatten wir nun freien Eintritt ohne Anstehen (was um die Uhrzeit aber eh noch nicht das Problem war) und 4-4-2-Drinks bis Mitternacht, sprich vier Getränke zum Preis von zwei. Das nutzten wir gleich für eine Rutsche Cocktailpitcher und genossen die Drinks in einer Sofa-Ecke angrenzend zur Tanzfläche der 90er-Area dieser Großraumdiskothek. Ab 23 Uhr füllte sich der Laden so langsam und auch wir schwangen endlich das Tanzbein und kamen mit den Damen des Saales auch außerhalb der Unisex-Toiletten in Berührung.

A few drinks
A few drinks

So gegen 1 Uhr verlagerten wir unseren Schwerpunkt dann in die Techno-Area, wo noch etwas mehr los war und die Beats einen zwanghaft Abzappeln ließen. Als um 3 Uhr unweigerlich das Licht anging, strömte alles wie immer nach draußen und es spielten sich auf der Strasse wieder einmal diese unbeschreiblichen Szenen ab, die Cardiff so berühmt gemacht haben (Buchtipp: „Cardiff After Dark“). Die meisten Menschen waren doch sehr enthemmt vom Alkohol. Das führt dort selten zu Ärger, aber dennoch oft zu Notarzteinsätzen. Binge Drinking ist hier eben geschlechterübergreifend Volkssport. Unser Pegel war auch zumindest so weit fortgeschritten, dass das Hotelbett eine echte Verheißung war. Teile der Gruppe hatten noch andere Betten im Auge, aber ich war jetzt mit einem fettigen Cod to go und meinem Bettchen ausreichend befriedigt.

It might offend you
It might offend you

Am Samstagvormittag musste erstmal erörtert werden, wer eigentlich in der Lage ist den Mietwagen abzuholen, den wir ab heute gebucht hatten. Der schöne Ford Focus wurde nun etwas später als geplant entgegen genommen, aber dann ging es mit Tempo in die Brecon Beacons, einen der drei Nationalparks von Wales. Die Brecon Beacons sind ein Mittelgebirge (bis zu 886m hoch) ca. 75km nördlich von Cardiff. Wir hatten es dort auf die Wasserfälle rund um Ystradfellte abgesehen. Eine besonders schöne Ecke der Region, allerdings heute auch mit Wasserfällen von ganz oben gesegnet. Da half erstmal nur die Einkehr ins „Angel Inn“, einen Wanderer-Pub in Pontneddfechan, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Als erfahrenen Meteorologen war uns nach einem Pint bereits klar; besser wird das Wetter so schnell nicht. Ergo marschierten wir los und genossen auch bei dieser Witterung die schöne Natur dort.

Malerisches Neath-Tal
Malerisches Neath-Tal

Besonders begeistert waren wir beim ersten größeren Wasserfall auf der Wanderung. Am Swgd Gwladys hatten sich zahlreiche junge Männer in Badehose versammelt und sprangen munter herunter ins Wasser. Hätten wir das mal vorher gewusst, dann hätten wir auch Badesachen eingepackt. So blieb uns nur die Zuschauerrolle, ehe die nächsten Kilometer in Angriff genommen wurden. Nach zwei Stunden Marsch das Tal des Flusses Neath entlang wurde der Regen unfassbar heftig und selbst beste Outdoor-Klamotten waren irgendwann komplett durchgeweicht. Anderen Menschen begegneten wir auch nicht mehr, stattdessen waren überall Schafe. Sanfte grüne Hügel, tausende Schafe und Dauerregen, mehr Wales geht nicht.

Die wagemutigen Waliser
Die wagemutigen Waliser

Die letzten Kilometer waren wir wirklich nur noch angepisst und sprachen kaum noch miteinander. Alle waren fokussiert darauf bloß schnell wieder im Auto zu sitzen. Als dann endlich das „Angel Inn“ erreicht war, konnten wir im Warmen bei einem Pint schon wieder herrlich lachen. Außerdem bewunderten wir die Replika eines keltischen Goldschatzes im Nebenraum des Pubs und das persönliche Autogramm von David Hasselhoff für das „Angel Inn“. The Hoff weiß was gut ist. Und er lebt noch. Daher kann er unmöglich der Geist sein, der dort auf der Herrentoilette spukt.

Wet Wales
Wet Wales

Im Automobil drehten wir die Heizung auf und rasten beschallt von „The Jam“ durch die Valleys zurück nach Cardiff. Die heiße Dusche im Hotel war ein Traum und nach ihr ging es wieder auf die Piste für ein neues Abenteuer im Cardiffer Nachtleben. Heute wäre eigentlich auch die Möglichkeit gewesen etwas Fußball zu schauen, aber nochmal Newport County (wie bereits im Vorjahr)  musste nicht mehr zwingend sein nach den Strapazen des Tages. Zumal die Presseakkreditierung diesmal im Vorfeld mißlang und das Spiel gegen die Bristol Rovers aufgrund der räumlichen Nähe ausverkauft war. Stattdessen gönnten wir uns diverse Real Ales in der „Central Bar“, die wenig überraschend sehr zentral lag und unweit der Disco-Meile Greyfriars Road zu finden war. Dort war nun abermals Drinking, Dancing  & Dealing with compliments angesagt. Bis das Licht um 3 Uhr wieder angeknipst wurde.

Disco Don
Disco Don

Sonntag verabschiedete sich Schirm von uns in Richtung London (Business und so) und wir fuhren auch erstmal in die gleiche Richtung. Unser Tagesziel war allerdings die Stadt Bath in der englischen Grafschaft Somerset. Das Umland der Stadt war schon sehr Rosamunde Pilcher tauglich und Bath selbst zählt zum Unesco Welterbe. Die Stadt lockt Besucher von nah und fern mit ihren antiken römischen Bädern, der mittelalterlichen Bath Abbey und dem recht geschlossen wirkenden georgianischen Stadtbild mit dem Bath Stone (einem lokalen Kalkstein) als hauptsächlichem Baustoff.

Bath Abbey
Bath Abbey

Vor den römischen Bädern war leider eine Armee von Asiaten in Reih und Glied aufmarschiert, so dass wir uns die Besichtigung schenkten. Es war auch so sehr schön durch die Gassen Baths zu spazieren und ein bißchen am Fluß Avon in der Sonne zu sitzen. Außerdem waren UK-typisch Sonntag Nachmittag die Geschäfte in der Innenstadt auf und wir shoppten noch ein paar Kleinigkeiten. Danach stärkten wir uns mit Cornish Pastys und fanden schließlich einen kleinen urigen Altstadtpub („Coeur De Lion“) mit Real Ale („Proper Job“). Zurück zum Auto machten wir noch einen kleinen Umweg, um den Royal Crescent zu sehen. Dann waren im Prinzip die wichtigsten Sehenswürdigkeiten alle abgehakt. Bath hat genau die richtige Größe für einen Tagesausflug.

The Royal Crescent
The Royal Crescent

Auf Wunsch meiner Bockenemer Freunde ging es nun nach Thornbury in South Gloucestershire. Diese Kleinstadt ist Partnergemeinde von Bockenem und die Jungs waren dort mal zum Schüleraustausch. Wir flanierten dort ein bißchen durch den Ort und den Schlosspark und ich lauschte den alten Geschichten der Freunde, wie sie hier als Teenies was für die Völkerverständigung taten. Das setzten wir später bei einem Ale und König Fußball im Pub fort (Chelsea vs. Hull City), ehe es wieder auf die andere Seite der Severn-Mündung ging.

St. Mary Church Thornbury
St. Mary Church Thornbury

Montag durfte einmal mehr das Large Breakfast die ersten 1.500 Kalorien des Tages liefern. Danach fuhren mit dem Mietwagen Richtung Swansea, ließen das hässliche Entlein von Wales aber links liegen und durchquerten die Gower Peninsula bis Rhossili Beach, einem der besten Strände Europas. Auch hier lockte zunächst ein Pub, der uns Burger und das lokale Ale servieren durfte und von seiner Terrasse einen tollen Ausblick auf die Bucht und die vorgelagerten Felsen bot.

Rhossili Bay
Rhossili Bay

Der imposante Worm’s Head ist bei Ebbe fußläufig erreichbar. Wir waren aber zu spät dran um es noch ohne zu hetzen hin und zurück zu schaffen. Also machten wir es uns auf den Klippen gemütlich und genossen den Ausblick raus auf’s Meer. Anschließend wurde noch noch etwas den Wales Coastal Path entlang gewandert und abends ging es wieder ohne die Heroin-Hochburg Swansea betreten zu haben zurück in die Hauptstadt dieses wunderschönen Landes.

Worm's Head
Worm’s Head

Dienstag war nochmal ein Kulturprogramm in Cardiff angesetzt. Das Castle sollte endlich mal von innen bewundert werden. Das Wahrzeichen der Stadt kann auf fast 2000 Jahre Geschichte zurückblicken. Die Römer errichteten hier im 1.Jahrhundert n. Chr. ein erstes von insgesamt vier Kastellen und Teile davon bilden noch heute Mauerwerk der Anlage. Im 11.Jahrhundert ließ Wilhelm der Eroberer eine Motte innerhalb der Kastellmauern aufschütten und Anfang des 12.Jahrhunderts wurde darauf ein bis heute erhaltener Normannischer Keep aufgetürmt.

Der Normannische Keep auf der Motte
Der Normannische Keep auf der Motte

Im späteren Mittelalter verlor die Burg an militärischer Bedeutung (Caerphilly Castle als Bollwerk der englischen Eroberer lief ihm den Rang ab) und verfiel zusehends. Erst im späten 18.Jahrhundert nahmen sich die Marquesses of Bute Generation für Generation der ihnen zugefallenen Burg an. Im 19.Jahrhundert ließ der 3.Marquess of Bute, seinerzeit der reichste Mensch der Welt, die Burg aufwendig zum viktorianischen Schloss umgestalten und erweitern. Sein neugotisches Märchenschloss mit 17 prunkvollen Gemächern sah ich mir nun genauer an. Ebenso das Militärmuseum unterhalb des repräsentativen Südtors und die Wehrgänge der Burg.

Unsittliches Verhalten
Unsittliches Verhalten. Leider die Regel in Cardiff

Nach der ausgedehnten Castle-Tour starteten wir nochmal einen Pub-Crawl. Am letzten Abend musste natürlich abermals ordentlich in der Partystadt gefeiert werden und dort ist auch dienstags gut was los. Wir schlürften im „Revolution Club“ Cocktails aus Teetassen und machten noch einen ordentlichen Zug durch die Gemeinde, der spät nachts bei Fish & Chips in der Fressmeile Caroline Street endete. Noch ein üppiges Frühstück am nächsten Morgen und ein Pint „Brains“ zum Abschied und dann mussten wir mittags wieder einen InterCity nach London besteigen. Dort vereinigten wir uns wieder mit Schirm und lungerten noch ein bißchen in der Weltstadt rum, ehe unsere Flieger am Abend nach Bremen und Hannover abhoben. Bis bald Cardiff, nächstes Mal vielleicht auch wieder mit Fußball.

Millennium Centre Cardiff Bay
Millennium Centre Cardiff Bay

 

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