Istanbul 02/2016

16.02.2016
Fenerbahçe SK – Lokomotive Moskau 2:0
UEFA Europa League (Round of 32)
Sükrü Saragcoglu Stadyumu (Att: 36.195)

Die zweite Urlaubsreise im Jahre 2016 hatte viel Vorlauf. Bereits im Sommer 2015 flog einem ein Türkei-Schnäppchen nach dem anderen um die Ohren. Den Zuschlag bekam die zweitbeste türkische Airline Atlasglobal, die für einen Flug von DUS nach IST inklusive warmer Mahlzeit und Getränk lächerliche 24€ verlangte. Sie wollten es dann mit dem vierfachen Kurs für den Rückflug ausgleichen, aber da kam Pegasus ins Spiel, die Rückflüge von Istanbuls zweitem Großflughafen SAW (Sabiha Gökcen) für 37€ anboten. Außerdem lockte die Airline Nr.1 der Türkei, Turkish, mit nahezu geschenkten Inlandsflügen. Ich wollte dann eigentlich zum Taxipreis noch für einen Tag nach Mardin an die syrische Grenze fliegen und mir Daesh mal aus der Nähe angucken. Aber davon riet mir sogar mein Vater ab, der immerhin während der ägyptischen Revolution fröhlich die einsamen Weltwunder von Assuan und Gizeh besuchte, weil er Touristenmassen hasst. Schade, Mardin und das nahe syrisch-orthodoxe (aber in der der Türkei liegende) Kloster Deir az-Zafaran wären wunderschöne Ziele gewesen, fernab des Massentourismus. Aber wenn Eltern, Frauen und Co das nicht goutieren, will man ihre Sorgen nicht einfach so wegwischen. Und Istanbul hat schließlich auch mehr als genug zu bieten für ein paar unvergessliche Tage.

Unsere Unterkunft

Nachdem die Unterkunft geklärt war (ein Hotel nahe des Taksim-Platzes in Beyoglu), wurde sehnsüchtig auf die neuen Spielpläne gewartet. Als jene veröffentlicht wurden, ergaben sich immerhin zwei kleine Ortsderbys in der 15-Millionen-Einwohner-Metropole. Fenerbahce empfingt Kasimpasa und Basaksehir hatte Besiktas zu Gast. Um allerdings an Karten dafür zu kommen, wurde es kompliziert. Nachdem der Möchtegern-Sultan Recep Tayyip Erdoğan bei den Gezi-Protesten ordentlich Gegenwind von der Fußballszene bekam (Filmtipp: Istanbul United), verschärfte er die Gesetze gegen Fußballfans. Eingeführt wurde eine Fancard namens Passolig, die man nun benötigt, um an Tickets für Fußballspiele zu kommen. Feinden des Fußballs wird so eine Karte natürlich verwehrt und neben den persönlichen Daten enthalten Karte und zugehörige Datenbank auch noch ein Foto jedes Stadionbesuchers.

Und mehr noch, die Passolig ist gleichzeitig eine Kreditkarte einer Bank, die zum Firmenimperium von Erdoğans Schwiegersohn gehört. Es wird für die Passolig eine Jahresgebühr von ca. 10€ fällig und dazu eine geringe Gebühr für jede Transaktion zum Kartenkauf, so dass der regelmäßige Stadionbesucher 20 bis 30 Euro pro Saison an Gebühren an die Aktifbank abdrücken darf. Da kommen ligaweit hübsche Sümmchen zusammen. Eigentlich darf man so etwas natürlich nicht unterstützen und viele türkische Fans boykottieren die Passolig (Tendenz der Eisernen aber rückläufig). Um in der Türkei höherklassigen Fußball zu sehen, kommt man aber auch als Ausländer nicht drumherum und zähneknirschend beantragten wir Ende 2015 die für uns passende Passolig (Pre-paid und vereinsungebunden).

Passolig Muster
Passolig Muster

Wenigstens der Spielplan meinte es kurz darauf noch besser mit uns und loste den Teams von Galatasaray (gegen Lazio) und Fenerbahce (gegen Lokomotive Moskau) Heimspiele in der Europa League für den 18.Februar zu. Da zwei EL-Spiele am selben Tag nicht im Sinne der Sicherheitsorgane waren, wurde Fenerbahces Spiel auf Dienstag den 16.Februar gelegt. Nun brauchte man nicht mehr groundhoppermäßig am Wochenende von Stadion zu Stadion hetzen, um mehr als ein Spiel zu sehen, sondern entschied sich in der vorläufigen Planung am Sonntag nur das Ligaspiel von Besiktas zu schauen und Dienstag Europapokal bei Fenerbahce.

Tickets für den Europa League Kracher gab es erst eine Woche vorher und dann auch nur ab 40€ aufwärts und nur für Mitglieder und Dauerkartenbesitzer. Uncoole Nummer. Basaksehir setzte seine Karten für das Ligaspiel gegen Besiktas schließlich drei Tage vor dem Spiel auf der Passolig-Seite rein und dort konnten problemlos VIP-Karten für 15€ erstanden werden. Der Verein zieht halt nicht ganz so wie die Konkurrenz am Bosporus. Am Tage des Abflugs war Fenerbahce dagegen immer noch im Priority Sale und die günstigsten Karten bereits alle vergriffen. Der Stadionbesuch dort wurde leider immer unwahrscheinlicher.

Nichtsdestotrotz quälten wir uns am 13.02. früh und unausgeschlafen, aber doch voller Vorfreude aus dem Bett. Events wie die Jahreshauptversammlung des SC Schwarz-Gelb Asel machten ein frühes zu Bett gehen zunichte und 5 Uhr war wie immer eine unchristliche Zeit für den Aufbruch. Aber gut, das Reiseziel ist ja seit 1453 auch nicht mehr christlich.

Wir reisten in zwei Gruppen. Vier Mann mit Anschlussreise nach Spanien via WET-Tour (Fat Lo, Skinny Ole, El Glatto und ich) und die anderen vier als Istanbul only Reisegruppe im PKW (InterCityBerger, Milano Pete, Olbert und Pumba). Die WET-Gruppe freute sich sehr, dass die PKW-Gruppe unser Gepäck für Reise Nr.2 mitnahm und bis Mittwoch im geparkten Auto zwischenlagerte. So mussten wir nicht Gepäck für acht Tage in einen Handgepäck-Koffer quetschen und konnten kommenden Mittwoch in Düsseldorf bequem die Koffer austauschen. Bequem war auch die Bahnfahrt über Löhne/Westfalen, wo es beim Zwischenhalt ein passendes Frühstück in Form einer Chicken Döner Pizza gab und insgesamt vier Stunden Bahnreise bei guten Gesprächen wie im Fluge vergingen.

Lungern am Airport Düsseldorf

12:40 Uhr war unser Start und nachdem die „Reisegruppe Urgemütlich“ wieder vereint war, wurde das nicht benötigte Zeitpolster mit einem zweiten Frühstück bei McDonalds mit Leben gefüllt. Gott, wird das wieder eine Diätreise. Schnell noch jeder im Duty Free die Schnapssorten durchprobiert (und dann doch nur den billigen Osborne Veterano für 10€ pro Liter eingetütet) und schon gab es im Flieger das dritte Frühstück bzw. das Mittagessen. Es wurde wahlweise Hühnerfrikassee ohne Huhn oder Hähnchen in Tomatensauce gereicht. Dazu Brötchen, Käse, Salat und Kuchen. Danach hatte ich die nötige Bettschwere, um nochmal ein Auge zuzudrücken.

Atlasglobal Catering
Atlasglobal Catering

Istanbul wurde planmäßig um 16:45 Ortszeit erreicht und am Ausgang des Flughafens wartete bereits unser Chauffeur Mr Baris und reckte das Schild mit „Mr Sasa Snepanovic“ in die Höhe. Mit Vollgas ging es Richtung Taksim Platz und die ersten Eindrücke der Stadt waren schon überwältigend. Wirklich eine Mega-City, deren Lichter in der Abenddämmerung unsere Blicke fesselten.

Partytime auf der Istiklal Caddesi
Partytime auf der Istiklal Caddesi

Das Hotel war dann wenig überraschend nicht so gut in Schuss wie auf den Bildern (da wirkte es fast schon luxuriös und von Schimmel war nichts zu sehen), aber für 8€ pro Nacht und Person wollen wir mal keine großen Ansprüche stellen. Und Mr Bayram, der Manager, stellte sich auch als höflich und hilfsbereit heraus, bevor wir wieder schieden Richtung Istiklal Caddesi (Unabhängigkeitsstraße), der berühmten Hauptader von Beyoglu. Eine Straße auf der Samstag Abend das Leben pulsierte und eine Band in einem zur Bühne umgebauten historischen Straßenbahnwagen den Menschenstrom musikalisch einheizte.

Galataturm @night
Galataturm @night

Wir ließen uns treiben und waren irgendwann am Galataturm angekommen. Auch nachts ein sehenswertes und nun illuminiertes Wahrzeichen der Stadt und nicht weit vom Wasser entfernt, wo sich uns das Panorama von Sultanahmet und Fatih bot. Nachdem das Bild ausreichend auf uns gewirkt hatte, gab es Abendbrot in Form von gegrillter Sucuk und anderen Spezialitäten der hiesigen Küche. Gut genährt waren die kneipenumsäumten Nebenstraßen des Hauptboulevards unser nächstes Ziel. Es gab viele Bars in denen richtig was los war und Bars mit gähnender Leere, in die uns ständig Werber locken wollten.

Marching on together
Marching on together

Gelandet sind wir im U2 Irish Pub, wo die irische Minderheit Istanbuls und ein paar Touristen ihre Pints genossen. Der Wirt war zwar Türke, allerdings mit irischer Seele. Jedenfalls stimmte er immer die Klassiker des irisch-republikanischen Gesangs an und beschallte damit zusammen mit den Iren den Raum. 6€ für Guinness und 4,50€ für Carlsberg schienen uns am ersten Abend okay (im Vorfeld lasen wir Artikel der „Lügenpresse! Lügenpresse!“, die 5€ als Standardbierpreis propagierten nach Erdoğans neuen Gesetzen contra Alkoholkonsum). Da sahen wir von unseren Differenzen in Sachen IRA ab und blieben stundenlang. Das hatte auch zur Folge, dass wir jedes Lied seiner Playlist mindestens fünfmal gehört hatten. Sie bestand aus den irischen Pubklassikern plus Sinead O’Connor plus The Cranberries und plus, völlig überraschend, U2. Unsere Musikwünsche wurden vom Wirt, der selbst sein bester Kunde war, mit „I don’t play English Bands“ abgeschmettert. Dafür drehte er immer wieder den Volumenregler runter, um um Ruhe zu bitten und uns mit hochphilosophischen Monologen, in denen jeder zweite Satz „Life is too short“ war, zu unterhalten. Spitzentyp. Dass man zum Klo im Treppenhaus an einem beischlafenden Pärchen vorbei musste, setzte dem Spektakel noch die Krone auf.

U2 Irish Pub
U2 Irish Pub

Als nach Mitternacht alle potentiellen Grounds für einen neuen Länderpunkt fort waren, brachen wir jeder rund 150 Türkische Lira ärmer auf in Richtung Hotel. Es regnete plötzlich Hunde und Katzen und meine vollen Genossen wollten jetzt entweder zum Friseur, Dosenbier kaufen oder was Fettiges essen. War fast unmöglich die Bande zusammenzuhalten und die Idee eine sechsspurige Straße im fließenden Verkehr zu überqueren, war auch nachts eine brisante Sache, aber die neuen Martin Hamsik Frisuren meiner Freunde entschädigten wieder für fast all den unnötigen Stress.

Martin Hamsik

Blöd, dass noch bis 5 Uhr morgens Osborne Cola in der Hotelsuite genossen wurde. Der Sonntagmorgen begann nun entsprechend gerädert, aber es muss ja weiter gehen. Wir wiederholten nun unseren Abendbummel 1:1 bei Tageslicht und dann waren fünf Herren geil auf einen Basarbesuch, während Fat Lo, Skinny Ole und ich ein Drittligaspiel im Stadtteil Bahcelievler, unweit des Atatürk International Airport, bevorzugten. Istanbulspor, lange Zeit die sportliche Nr. 4 in Istanbul (13 Jahre Süper Lig), spielt mittlerweile in der 3.Liga und empfing Hacettepe aus der Hauptstadt Ankara, das Farmteam des Erstligisten Gençlerbirligi SK Ankara.

Galataturm am Morgen
Galataturm am Morgen

14.02.2016
Istanbulspor – Hacettepe 3:1
2.Lig Beyaz Grup (III)
Bahçelievler İl Özel İdare Stadyumu (Att: 540)

Mit der Metro verlagerten wir uns von Beyoglu nach Bahcelievler. Dort flanierten wir durch die tourifreie, aber sehr belebte Haupteinkaufsstraße (offizielle Einwohnerzahl des Viertels übrigens 599.000) und kämpften uns zum Bahcelievler-Stadion durch. Als wir in die Straße des Stadions einbogen, trug uns der Schall schon das beliebte „Dale Boca/Cavese/usw.“ entgegen. Performt mit Blasinstrumenten. Das könnte doch ganz gut werden, dachten wir uns, und wurden nicht enttäuscht. Nachdem umgerechnet drei Euro gelöhnt waren, platzierten wir uns am Rand der einzigen, aber großen Tribüne und waren hoch erfreut, dass neben der Kapelle auch einige sangesfreudige Fans anwesend waren. Insgesamt 540 Zuschauer waren heute da und drückten fast alle sichtbar ihre Sympathie für die schwarz-gelben Hausherren aus. Ein Club, der 1926 von Eleven des Istanbul Lisesi, einem renommierten deutsch-türkischen Gymnasium in Istanbul, gegründet wurde.

Welcome to Bahcelievler
Welcome to Bahcelievler

Deren 1:0 fiel in der 27.Minute durch Alihan Kubala. Man sah schon, dass sie ein würdiger Tabellenführer der 3.Liga sind. Sie hatten eine Spielidee, eine gute Ballbehandlung und der Einsatz stimmte auch. Die von beiden Seiten leidenschaftlich geführte Partie endete in der 29.Minute fast in einer Massenschlägerei. Außer die Torhüter waren eigentlich alle Spieler beim Geschubse involviert und der eine oder andere Hieb wurde auch verteilt. Der Schiedsrichter hatte es aber nach drei Minuten wieder beruhigt und es ging 11 gegen 11 weiter. Hacettepe war jetzt irgendwie wie wachgerüttelt und ein schneller Angriff wurde in der 34.Minute per Vollspann aus 12 Metern in den Winkel zum 1:1 abgeschlossen. Das blieb auch der Pausenstand.

Fans von Istanbulspor
Fans von Istanbulspor

In der Halbzeit erfrischten wir unseren Organismus mit Wasser für 0,30€ und kaum war die Partie wieder angepfiffen, konnte Istanbulspor durch einen direkten Freistoß wieder in Führung gehen (Muhsin Yildirim, 48.Min). Hacettepe ließ sich davon aber nicht beeindrucken und drängte wieder auf den Ausgleich. Es war wirklich eine kurzweilige und rassige Partie. Und die Fans auf den Rängen boten ebenso beste Unterhaltung. Cool waren die Wechsel“gesänge“, wenn die Fans ein Lied in Richtung Kapelle sangen und die Kapelle mit Pauken und Trompeten das gleiche Lied in Richtung Trikotträger schmetterte. Und das Repertoire an Stücken war auch sehr abwechslungsreich und reichte von Go West über Misirlou (Pulp Fiction Soundtrack) bis zu den Kurvenklassikern aus Südamerika.

Bahcelievler Stadyumu
Bahcelievler Stadyumu

Die Mannschaft dankte den Support mit dem 3:1 in der 69.Min (durch Ismail Sari). Hacettepe war zwar am Drücker, aber hier liefen sie in einen super Konter (Steilpass in die Spitze und der Stürmer ging ab wie Speedy Gonzales). In der 72.Minute gab es sogleich einen fast identischen Konter, der aber knapp vorm Tor am Torwart scheiterte. Dieser und weitere Konter ergaben sich, weil Hacettepe nicht aufgab. Trotz 3:1-Rückstand und nur noch wenig Restspielzeit. Tore sahen wir aber auf beiden Seiten keine mehr und es blieb beim 3:1.

Stadion und Panorama
Stadion und Panorama

Nach Abpfiff war es an der Zeit für Essen fassen. Uns fielen ja bereits auf dem Hinweg zum Stadion diese für unsere Kaufkraft lächerlichen Preise der Imbisse auf. Dort wo wir einkehrten konnte zwar niemand auch nur ein Wort Englisch oder Deutsch, aber Döner und Cola bestellen war nun wirklich keine Herausforderung. Für 2,50€ bekam ich einen Dönerteller mit Reis und Brot. Das Fleisch war ausschließlich magerer Natur, ganz anders als in „Almanya“. War ’ne leckere Nummer, dieses teuerste Gericht der Karte. Dönertaschen kosteten dort übrigens 1€ und Lahmacun 0,40€. Kein Vergleich zu den fast deutschen Preisen in Beyoglu. Und auch abgesehen vom Essen und Fußball war es ein sehr interessanter Ausflug. Hier waren keine Touristen (und entsprechend keine Anquatscher), dafür eine hohe Kopftuchdichte und viele Polizisten mit Maschinengewehren und Panzerwagen am Hauptplatz des Viertels. Istanbul von einer ganz anderen Seite als in den zentralen Stadtteilen.

Dönerteller in Bahcelievler
Dönerteller in Bahcelievler

14.02.2016
Istanbul Basaksehir FK – Besiktas JK 2:2
Süper Lig (I)
Fatih Terim Stadyumu (Att: 6.870)

Wir verließen Bahçelievler mit dem Taxi gen Basaksehir, dem Spielort der Partie Nr. 2 an diesem Tag. Natürlich konnte der Taxifahrer auch kein Wort Englisch oder Deutsch und kannte das Fatih-Terim-Stadion gar nicht (er dachte wir wollen ins Olympiastadion). Ich musste ihn dann per Offline-Karte auf dem Smartphone mit GPS navigieren (Internet hatte ich für Türkei nicht freigeschaltet), was zum Glück ganz gut klappte. Umgerechnet 12€ für 20km Fahrt standen am Ende auf dem Taxameter und am Stadion marschierten wir schnurstracks zur Kasse, wo ja angeblich unsere Passolig-Karten liegen sollten. Dem war natürlich nicht so (obwohl schon im Dezember beantragt), aber wir bekamen einen Tagespass ausgestellt und saßen zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion. Bisschen früh, aber was will man schon mit einer guten Stunde Zeitfenster anfangen, wenn das Stadion ganz weit draußen in einer Trabantenstadt ohne Highlights liegt.

Basaksehir
Basaksehir

Anstatt unsere Plätze auf der Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie einzunehmen, entschieden wir uns für Plätze auf der Gegengerade im Oberrang, da wir falsch rein gegangen waren und einfach zu faul waren noch einmal ums Stadion zu laufen. Dort begrüßten wir eine halbe Stunde später die fünf anderen Jungs unserer Gang und tauschten die Erlebnisse des Tages aus. Der Basar hatte natürlich zu gehabt, aber in dessen Nähe hatten sie mit Bier, Snacks und Sonne trotzdem ’ne gute Zeit.

Das Ufo von Basaksehir
Das Ufo von Basaksehir

Das Stadion wirkte komplett fabrikneu und war ja auch erst 1,5 Jahre alt. Es wurde gebaut um dem Nomadendasein von Istanbul Basaksehir FK (erst 1990 ist Club der Stadtverwaltung als Istanbul BB gegründet worden) ein Ende zu setzen. Die hatten in mehreren kleinen Stadien und im völlig überdimensionierten Atatürk-Olympiastadion ihre Spiele ausgetragen, bis 2014 das eigene Stadion für rund 60 Millionen Euro mit 17.319 Plätzen endlich fertiggestellt war. Knapp 7.000 davon sollten sich heute füllen (und mindestens die Hälfte der Besucher war dem Gast Besiktas zugeneigt). Was besonders auffiel, war die halbrunde Bauweise der Hintertortribünen, obwohl keine Laufbahn vorhanden war. Na ja, mal was anderes als die Kastenbauweise. Und während die eine Hintertorseite komplett Besiktas vorbehalten war, sahen wir auf der anderen festlich eingedeckte Tische im Unterrang. Hier wurden passend gekleideten Stadiongängern in Abendgarderobe mehrere Gänge serviert und Streicher-Quartette spielten den VIPs Musik.

Fatih Terim Stadyumu
Fatih Terim Stadyumu

Als 60 Minuten vor Anpfiff auch für den gemeinen Stadionbesucher das Musikprogramm einsetzte, durften wir zum ersten von insgesamt 16 Mal der Clubhymne von Basaksehir Istanbul lauschen. Wurde entsprechend ein unfreiwilliger Ohrwurm. Kurz vor Anpfiff begann allerdings der Gästeanhang so langsam alles zu übertönen. Die Brüder waren wirklich sehr laut und beim Anstoß zählten sie von 10 bis 1 runter und starteten dann einen Stimmungsorkan. Der Capo war dabei ein hervorragender Dirigent und koordinierte die zahlreichen Wechselgesänge seiner Kurve. Wirklich tiefbeeindruckend und einen ernstzunehmenden Konterpart auf der Heimseite gab es nicht. Über der Dinnergesellschaft hinter’m Tor und auf unserer Tribüne waren zwar kleine Stimmungsnester, aber obwohl beide Grüppchen näher an uns standen, hörten wir nur Besiktas (Support-Video auf Youtube).

Dinner-Loge mit Fanblock darüber
Dinner-Loge mit Fanblock darüber

In der 25.Minute durften wir dann endlich wieder unseren Song, die Basaksehir-Hymne, hören. 1:0 für Basaksehir durch ihren Toptorjäger Edin Visca. Und was machte der Toptorjäger von Besiktas namens Mario Gomez so? Die Leihgabe vom AC Florenz lieferte wieder ein typisches Mario Gomez Spiel. Der stolperte sich vorne einen ab und war selten in der Lage die Zuspiele seiner Kollegen technisch sauber zu verarbeiten. Auch seine Torschüsse waren heute harmlos. Nichtsdestotrotz hat der Mann bereits wie fast jede Saison etliche Tore auf dem Konto (vor diesem Spiel waren es 15 in 19 Spielen). Ein echter Knipser, dem man wohl seine Schwächen zugestehen muss und der seit jeher schlecht bewertet wird, wenn er torlos bleibt.

Blick auf die Besiktas-Kurve
Blick auf die Besiktas-Kurve

Es blieb beim 1:0 zur Pause. Ein Unentschieden wäre leistungsgerechter gewesen, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Wir gönnten uns Wasser für 2 TL, Sonnenblumenkerne für ebenfalls 2 TL und Instant-Kaffee für 3 TL und durften nun binnen 15 Minuten erneut dreimal dem Basaksehir-Song lauschen, bis der Unparteiische wieder anpfiff.

Das Spiel lief 9 Minuten, da köpfte Mahmut Tekdemir das 2:0 für Basaksehir. Doch Kopfballtore konnte Besiktas zum Glück auch. Erst der just eingewechselte Joker Cenk Tosun in der 78.Minute per Köpfchen nach Flanke von Ricardo Quaresma (ebenfalls eingewechselt). Und dann verlängerte Abräumer Atiba Hutchinson in der 84.Minute einen Freistoß von José Sosa zum 2:2 per Kopf. Ein leistungsgerechtes Unentschieden beim Spiel Vierter (Basaksehir) gegen Zweiter (Besiktas) und die Besiktas-Anhänger waren ob des späten Ausgleichs entsprechend aus dem Häuschen.

Stadionpanorama unter Flutlicht
Stadionpanorama unter Flutlicht

Nach Abpfiff hatten wir irgendwie gar keinen Plan wie wir am besten mit Öffis nach Beyoglu kommen. Also einigten wir uns mit zwei Taxifahrern auf eine Fahrt mit Taxameter zum Taksimplatz. Die Gauner sprachen sich natürlich ab und machten ’ne große Stadtrundfahrt draus, aber ob nun 15 TL pro Person oder 25 TL war letztlich auch egal. Dafür gab es viel von Istanbul bei Nacht zu sehen und kurz vorm Taksim sprangen wir unweit des U2 Pubs aus dem Taxi, um dort eine Ocakbasi aufzusuchen, die uns am Vortag bereits optisch ansprach.

Beyti Kebap
Beyti Kebap

In der Ocakbasi wurde frisch Gegrilltes in rauen Mengen serviert und wir rekapitulierten nochmal das geile Spiel, bevor Sektion Schlaf ins Hotel aufbrach und Sektion Durst nochmal einen Pub gegenüber des Grillrestaurants prüfte.
Im Hotel stellte meine Sektion nun fest, dass der freie Verkauf für Fener vs. Lokomotive endlich gestartet war und wir ergatterten noch mühsam mit Mr Bayrams unzuverlässigem Wi-Fi Tickets für umgerechnet 57€ (günstigste verfügbare Kategorie). Im Vorfeld hatten wir zwar fast alle gesagt, dass über 50€ eigentlich zu viel des Guten sind, aber nach dem beeindruckenden Besiktas-Auftritt heute, waren alle angefixt und geil auf die nächste Gänsehautstimmung.

St. Antonius
Kath. Kirche St. Antonius

Montag wurde zum „Sightseeing only“-Tag auserkoren und der begann am Börek Center an der katholischen Antonius-Kirche (wo gerade ein Film gedreht wurde). Dort versichterte uns der Backwarenfachverkäufer, dass wir, wenn wir fünf Minuten warten könnten, frische Pide mit Sucuk und Ei bekommen können (die Filmcrew war kurz zuvor wie die Heuschrecken über die Auslagen hergefallen). Und das Warten lohnte definitiv. Mit ofenwarmer Pide to go flanierten wir nun schon zum 3.Mal auf dieser Tour die Istiklal Caddesi entlang, um schließlich auf der Galatabrücke das Goldene Horn zu überqueren. Next Stop: Hagia Sophia. Und was soll ich sagen, wenn sogar Olbert beeindruckt ist, muss es eine Sehenswürdigkeit von Weltrang sein. Laut Olbert eine ursprünglich christliche Kirche, die 500 vor Christus gebaut wurde. Mit derlei Unsinn erfreute er uns übrigens die ganze Reise. Immer wenn wir ihn fragten was dieses und jenes sei, saugte er sich irgendwas völlig Absurdes aus den Fingern und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Hagia Sophia - Christliche Kirche von 537 n. Chr.
Christliche Kirche  von 537 n. Chr.

Wir chillten nun am Brunnen im angrenzenden Park zwischen Hagia Sophia und der Blauen Moschee. Dort war auch der ideale Platz für ein Erinnerungsfoto mit dem muslimischen Hagia Sophia Plagiat im Hintergrund. Sonne, 20 Grad Celsius und beeindruckende Bauwerke, was will man mehr? Da fiel der Aufbruch schwer, aber die Hagia Irene und der Topkapipalast lockten ja auch noch in der Nähe.

Eingangstor des Topkapi

Nach diesen Sehenswürdigkeiten spazierten wir die Theodosianische Mauer entlang zum Wasser des Bosporus. Dort konnten wir uns neben dem Panorama auch an einem Einheimischen mit Klampfe und unserem neuen Freund Bazillus erfreuen. So tauften wir den sympathischen Strassenköter, der uns die nächste Stunde nicht mehr von der Seite weichen sollte. Mit Bazillus zogen wir nun das Ufer lang, wo man sich mit Luftgewehr-Schießen auf Ballons amüsieren konnte.

Chillen am Bosporus mit Bazillus
Chillen am Bosporus mit Bazillus

Wieder im Strassengewirr von Sultanahmet, verloren wir Bazillus und wurden von einem Werber für sein Restaurant gewonnen. Da das Ortaklar-Restaurant sowieso auf unserer Liste empfehlenswerter Gaststätten stand, gönnten wir ihm den Erfolg. Drinnen wurde Adana Kebab mit ordentlicher Schärfe serviert und wenn jenes Tellergericht Europa League war, waren die Pide und Lahmacun meiner Freunde Champions League. Dass trotz Klappern auf der Straße und Touri-Ausrichtung, auch viele Einheimische im Restaurant saßen, kam nicht von ungefähr.

Adana Kebap
Adana Kebap

Vom Ortaklar-Restaurant war der Basar nur einen Steinwurf entfernt und dort zeigte uns das bereits vom Vortag ortskundige Quintett ihr Restaurant, wo es Bier zwar offiziell nicht gab, aber es unterm Ladentisch doch in bunten undurchsichtigen Gläsern serviert wurde. Hier waren wir wieder bei der ebenso undurchsichtigen Alkoholpolitik in Istanbul. In Restaurants gab es eigentlich nie Alkohol. In manchen Stadtvierteln anscheinend nirgendwo Stoff (Basaksehir z.B.). Generell sollte der Verkauf von Alkohol zwischen 22 Uhr und 6 Uhr verboten sein. In Beyoglu war es aber kein Problem rund um die Uhr Alkohol zu kaufen. Und dass öffentliches Trinken strikt verboten sein sein soll, darauf käme man beim Spaziergang in Beyoglu auch nicht. Na ja, die Hauptsache war, wann immer wir Lust auf ein Bier hatten, bekamen wir auch eins. So auch hier.

Die Konstantinsäule am Großen Basar
Die Konstantinsäule am Großen Basar

Die Crew erkannte unsere Jungs natürlich sofort wieder und hatte auch kein Problem damit, dass es diesmal nur ein paar kühle Blonde für je 11 TL (3,30€) ohne Essen sein sollten. Die Efes schmeckten nach dem bisherigen 15km-Marsch auch wie eine Offenbarung und nach drei Runden hatten wir genug Energie für den Großen Basar, dessen Name natürlich nicht von ungefähr kommt. Da gab es so alles was das Herz begehrt „original gefälscht“ und es war der ideale Ort, um günstige Souvenirs für die daheimgebliebenen Gattinnen zu kaufen. „My boyfriend went to Istanbul and all i got is this lousy fake of a Michael Kors wallet“.

Grand Bazaar
Einer der zig Eingänge zum Großen Basar

Nach hektischem Gewimmel, Tee trinken und Feilschen war uns wieder nach Ruhe und Entspannung. Also stiegen wir zur mächtigen Süleymaniye-Moschee hinauf. Von dort waren Galatabrücke und Beyoglu als beeindruckendes Panorama zu sehen, in der gerade beginnenden Blauen Stunde. Und auch die nun goldene Moschee fesselte meinen Blick mehrere Minuten.

SüleYmaniye Camii
Süleymaniye Camii

Als es endgültig duster war, stiegen wir auf der anderen Moscheeseite wieder ab Richtung Wasser. Dabei mussten wir durch ein richtig verfallenes Wohnviertel. Dort hätte man auch „City of God“ drehen können und keiner hätte gemerkt, dass es nicht die Favelas von Rio de Janeiro sind. Zum Glück bogen wir irgendwann in eine Einkaufsstraße mit kleinen Läden und Imbissen ab, wo man nicht mehr angelungert wurde. Dort war ein kleines, aber feines Grillrestaurant. Der Kellner, der sich für sein „very poor English“ entschuldigte, obwohl es eins der Besten auf dieser Reise war, servierte uns „Mixed Grill“ in Plattenform für 8 Personen. Und da wurde für 20 TL (6€) richtig aufgetischt. Pide, Lahmacun, Tomatensalat, Joghurt, Grillgemüse, Pilav, Brot, Lammhack, Lammherz, Chicken Wings, Hähnchenspieße und Lammspieße. Jeder wurde mehr als satt und der Kellner kam kaum raus aus dem Bedanken für das verhältnismäßig üppige Trinkgeld von uns.

Groß aufgetischt in Istanbul

Über die neue drehbare Bahnbrücke über das Goldene Horn und unsere Standardroute Galataturm-Istiklal spazierten wir nach dem Essen wieder in die Taksim-Gegend. Dort hatten ein paar von uns ja bereits am Vorabend einen Pub getestet und für sehr gut befunden. Der Lost Pub war ein Rockschuppen mit Krökeltisch und verlangte für ein Efes gerade mal 5 TL (1,50€). Die Zahl der Runden wurde hier zweistellig und das Personal zu unseren Fans. Erst hielt uns da jeder für Russen, die zum Europa League Spiel da waren, aber nachdem das ausgeräumt war, wurden wir wie so oft nach Nennung des Zauberworts „Almanya“ mehr als zuvorkommend behandelt. Der DJ grüßte nun mit Nena, Seeed und Rammstein. Deutsche Musik für die deutschen Jungs und irgendwann kam der Kellner mit Zettel und Stift und bat uns Musikwünsche aufzuschreiben. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und schon bald lief von Westernhagen, über Britpop, Eurodance bis hin zu Hansefront alles was uns in den Sinn kam. Gutes Geschäft für die Crew, denn so blieben wir natürlich ewig und ein paar hundert Lira wanderten am Ende in die Kasse. Zum Schluss meinte der Boss noch „I admire you Germans for your drinking and partying“. Schleimer!

Lasterleben in Istanbul
Lasterleben in Istanbul

Es war echt nicht leicht zu scheiden im Lost Pub und wir waren zwar immer noch Deutsche, aber nun voll wie 10 Russen. Ich zog mich mit drei Jungs ins Hotel zurück, während Olbert, InterCityBerger und El Glatto noch lange nicht genug hatten. Kurz vor unserem Hotel musste es dann ausgerechnet zu Straßenkämpfen kommen. Da hatten ein Dutzend junge Männer mehr als nur eine Meinungsverschiedenheit und wir taten so als wären sie Luft, um bloß nicht noch den Unmut der siegreichen Gruppe auf uns zu ziehen. Eins der Opfer saß wenig später im Foyer unseres Hotel mit getapter Nase. Muss wohl ein Bekannter unseres Nachtportiers gewesen sein. Na ja, solch Schabernack kann einem überall begegnen, ob nun vor der eigenen Haustür oder in Istanbul.

Istanbul Abendpanorama
Istanbul Abendpanorama

16.02.2016
Fenerbahçe SK – Lokomotive Moskau 2:0
UEFA Europa League (Round of 32)
Sükrü Saragcoglu Stadyumu (Att: 36.195)

Dienstag war morgens die Hälfte des Mobs natürlich noch gerädert vom Vortag, während ich und die anderen Früh-ins-Bett-Geher schon wieder auf heißen Kohlen saßen. Wir marschierten heute zunächst vorbei am Kanonenhof von Tophane Richtung Dolmabahçe-Palast, um unweit dieses Schmuckstücks mit der Fähre nach Kadiköy auf asiatischer Seite abzulegen. Aber nicht ohne noch in der Mittagssonne im T-Shirt am Bosporus einen Tee zu trinken und den Ausblick zu genießen.

Mal wieder lungern am Bosporus
Mal wieder lungern am Bosporus

Die Bootsfahrt war lustig, bis auf für El Glatto und Olbert, die gestrigen Tagessieger am Glas. Denen bekam der durchaus raue Seegang auf dem Bosporus nicht. Wir anderen genossen derweil an Deck einen frisch gepressten Orangensaft und den Áusblick auf die Stadt und das Meer. 1,20€ kostete die 20minütige Überfahrt und führte uns auf asiatischer Seite vorbei am berühmten Leanderturm und dem Bahnhof Haydarpasa (von deutschen Architekten geplant und realisiert als Startbahnhof der Bagdadbahn im Osmanischen Reich) zum Fährterminal in Kadiköy.

Bahnhof Haydarpasa
Bahnhof Haydarpasa

In Kadiköy wurde zunächst das Zentrum im gemütlichem Tempo erkundet. Es war sehr viel los auf den Straßen und das Publikum wirkte mehr als westlich. Hier verhüllte keine Dame ihre Schönheit hinter einem Schleier. Kopftuch trugen nur ein paar bettelnde Omas und die jungen Leute hatten teilweise bunte Haare, waren häufig tätowiert und sehr modisch gekleidet. Und die hohe Bardichte war genau auf dieses Publikum zugeschnitten. Nicht der Stadtteil der großen Sehenswürdigkeiten, aber wahrscheinlich genau der richtige Stadtteil für mich zum Leben. Ich fühlte mich eher in Linden oder Södermalm als in Asien. Und wenn man z.B. Bahçelievler mit Kadiköy vergleicht, kann man nicht glauben, dass man in der gleichen Stadt ist.

In den Straßen von Kadiköy

Auch in Kadiköy musste irgendwann gegessen werden und gewonnen hatte die Ocakbasi namens Otantik in der großen Lotterie. Hier wurde Fladenbrot von einer alten Oma frisch auf dem offenen Feuer gebacken und der Grillmeister verstand ebenfalls sein Handwerk. Ich gönnte mir für ca. 10€ von allem etwas und wurde geschmacklich schon wieder nicht enttäuscht. Mit Tee und süßen Dessertsünden blieben wir nach dem Essen noch in den Sofas des Restaurants versunken. Das tat gut, nachdem schon wieder über 10km auf dem Tachometer standen und mit neuen Kräften konnte so der nächste Programmpunkt angegangen werden; der Sonnenuntergang am Meer.

Ballerspaß an der Uferpromenade
Ballerspaß an der Uferpromenade

Zur blauen Stunde spazierten wir dann ziemlich genau eben jene 60 Minuten vom Kadiköyer Hafen komplett am Marmarameer entlang zum Sükrü-Saracoglu-Stadion. War sehr nett, bis wir kurz vorm Stadion an dem fäkalienverseuchten Kanal Richtung Spielstätte abbogen. Nicht nur, dass es nun die letzten paar hundert Meter abartig roch, nein, hier waren nun auch die ersten Fenerbahçe-Fanmassen, die uns sehr kritisch musterten und für Russen hielten. Ein dunkler Park voller Fener-Fans war jetzt nicht der schönste Ort der Welt für uns. Überspitzt gesagt, wurde aber erst gefragt, bevor zugestochen wurde und wir kamen trotz der geballten Aufmerksamkeit der Einheimischen mit ein paar „No Russians! Almanya!“ Bekundungen unbeschadet zum Stadion.

Sonnenuntergang in Kadiköy
Sonnenuntergang in Kadiköy

Dort ging es zum super versteckten Kassenhäuschen, was wir ohne hilfsbereiten Ordner nie gefunden hätten (der natürlich auch fragte „Russians? Lokomotiv?“). Dort gab es natürlich, kaum dass wir an der Reihe waren, einen Systemausfall. Nur Ole kam noch an seine Karte und für uns restliche Sieben und dutzende Türken hieß nun viele Minuten warten. Dann gab es für eine nochmalige Gebühr von 15 TL (4,50€) wieder einen Passolig-Tagespass. Als wenn dieses Spiel nicht schön teuer genug war. Na ja, egal, die Gesänge, die schon 45 Minuten vor Anpfiff auf die Straße schallten, versprachen Großes.

Blick auf das Sükrü Saracoglu Stadion
Blick auf das Sükrü Saracoglu Stadion

Ein Deutschtürke aus Hamburg meinte am Kassenhäuschen wir müssten einmal fast um das ganze Stadion rum, um zu unserem Eingang zu kommen. Das kam mir spanisch vor, da ich meinte, unseren Eingang bereits ein paar Meter in die andere Richtung erspäht zu haben. Nun gut, der Ortskundige wird schon recht haben, dachten wir und kämpften uns einmal ums Stadion. Das war ein Gewusel ohne Ende durch Auto- und Menschenmassen und dort wo wir angeblich rein sollten war genau der Block gegenüber von unserem und zu allem Übel war der kürzeste Weg, sprich die 360 Grad voll machen, auch noch durch die Autobahn versperrt. Wirkte nicht wie Absicht von unserem aufgeschlossenen Gesrächspartner, trotzdem: Schönen Dank auch!

Gewusel am Stadion
Gewusel am Stadion

Also nochmal durch dieses unglaubliche Gewusel und jetzt auch noch gegen den Strom. Der Anstoß rückte immer näher und wir waren jetzt echt mies drauf, zumal wir wegen der Eingangskontrolle bereits die Schuhe voll mit Kleingeld hatten. Das nehmen sie den Fans gerne ab am Eingang und darauf lief es sich natürlich nicht so gut, wenn die Distanz plötzlich mehr als einen Kilometer beträgt. Und zu allem Überfluss liefen wir kurz vor unserem Eingang auch noch in eine Prügelei unter Fener-Fans. Aber eine Armlänge Abstand funktioniert wirklich und wir kamen alle unversehrt rein.

Es ist angerichtet
Es ist angerichtet

Im Stadion fuhr der Organismus langsam wieder runter. Erst recht nachdem sich alle Türken drumherum, die uns mit ihren Blicken durchbohrten, vergewissert hatten, dass wir keine Russen sind. Mutmaßliche Putin-Versteher waren übrigens 50 im Gästeblock. Die magere Zahl mag der allgemeinen politischen Großwetterlage in Russland und Türkei geschuldet sein. Ansonsten waren russische Teams in der Türkei, u.a. vor nicht all zu langer Zeit Lokomotive bei Besiktas, immer ganz ordentlich vertreten.

Kaum eingelebt in unserem Stehplatzblock für nun über 60€ pro Karte und mit Sonnenblumenkernen und Wasser eingedeckt, liefen auch schon die Mannschaften auf. Alle Tribünen sangen brachial laut die Nationalhymne der Türkei und als angepfiffen wurde, fingen auch noch alle Tribünen an zu hüpfen. Wir hatte alle eine Gänsehaut. Vorhang auf für 90 Minuten Hardcore – Echte Gefühle.

Gut gefüllte Ränge
Gut gefüllte Ränge

Auf dem Rasen sahen wir eine Mannschaft die sich dessen würdig zeigte und um jeden Ball fightete. Spürbar 100% Einsatz von Fenerbahçe. Lokomotive war im Prinzip chancenlos und in der 18.Minute konnte der Brasilianer Souza die Blau-Gelben völlig verdient in Führung schießen. Die zahlreichen weiteren Chancen Fenerbahçes blieben leider ungenutzt (u.a. von Fanliebling Robin van Persie), was schade war, denn der Torjubel der Fans war natürlich auch gigantisch. Zum Glück standen wir vor einem Wellenbrecher und flogen somit nicht die steilen Reihen hinunter.

Als der Halbzeitpfiff ertönte, war das endlich das Signal zum Sitzen. 15 Minuten runter fahren von dem Halligalli hier und dem Stress zuvor. Das Stadion (eröffnet 1908) war moderner Prägung (zuletzt saniert 2006) und ist von der UEFA mit 5 Sternen bewertet. Es bietet Platz für 50.509 Zuschauer und war heute mit 36.195 Menschen ordentlich besucht (gefühlt sah es nach mehr aus). Die größten Stimmungsblöcke waren auf den Hintertortribünen beheimatet, aber außer zentral auf den Geraden wurde eigentlich überall gestanden und gesungen. So auch bei uns, im Oberrang der Gegengerade. Sehr stark war, dass sich die Eckblöcke der Tribünen immer Wechselgesänge mit mit dem Eckblock der Nachbartribüne lieferten. Auch unser Block hatte einen Capo, der diese Wechselgesänge koordinierte. In unserem Block war damit „leider“ 90 Minuten Action, so dass wir uns die Viertelstunde Erholungspause noch mehr als die Spieler verdient hatten. Meinten wir zumindest.

Glänzende Stimmung

Zu Beginn der zweiten Halbzeit waren die Russen im Gästesektor oberkörperfrei und hielten auch irgendwelche kleinen Fetzen in Höhe (wahrscheinlich Putin-Shirts, wie auch der Lok-Spieler Dmitri Tarasov eins trug). Sollten sie auch etwas gesungen haben, war es selbstverständlich nicht zu hören. Der Geräuschpegel der Fenerbahce-Fans war einfach viel zu laut, wovon die Mannschaft weiterhin angetrieben schien. Allen voran Superstar Robin van Persie und der linke Verteidiger Caner Erkin, der dem dritten Top-Mann des Abends, Josef de Souza, den Doppelpack in der 72.Minute vorbereitete. Lediglich der glänzend aufgelegte Loko-Torwart Guilherme verhinderte heute Abend einen Kantersieg für Fenerbahçe.

Und die Fans? Die waren natürlich mehr als entzückt. Höhepunkt der 2.Hälfte waren Wechselgesänge im Uhrzeigersinn über alle vier Tribünen. Die Hintertorseite schrie die Haupttribüne an, die wiederum die andere Hintertortribüne und die dann unsere Gegengerade usw. usf.. Hatte was von „Stiller Post“, nur mit dem Gegenteil von still. Einen negativen Höhepunkt gab es aber auch und zwar eine Massenschlägerei in unserem Nachbarblock auf der Hintertorseite ab der 78.Minute. Und das war nicht nur ein bisschen Gerangel, hier wurden einige Fans brutal zusammen getreten. Warum auch immer. Als die Polizei dazu stieß, beruhigte es sich kurz, um dann wenige Minuten späten einen Treppenaufgang weiter rechts wieder zu eskalieren. Und während der Rest des Stadions die siegreichen Helden feierte, hatten aus dem Krawallblock schon einige das Stadion verlassen und es schien auf dem Vorplatz weiter rund zu gehen.

Nachts in Kadiköy
Nachts in Kadiköy

Wir brachen auch zeitig auf und kaum aus dem Stadion heraus, sahen wir im Gewimmel einen alten Bekannten. Es war unser Taxifahrer von Sonntag. Es gab großes Gelächter auf beiden Seiten und herzliche Umarmungen, aber von unserem Low Budget Plan „zu Fuß – Fähre – zu Fuß“ ließen wir uns nicht mehr abbringen und so ging es mit dem blau-gelben Strom die 2km zum Fährhafen per pedes. Dort gönnten wir uns noch einen Tavuk Döner mit Cola für zusammen 1,50€ und legten 22 Uhr nach Karaköy ab.

Unser Mob in Kadiköy
Unser Mob in Kadiköy

Wieder in Europa, wartete unser beliebter Weg von der Galatabrücke zum Taksim-Platz via Galataturm und Istiklal Caddesi auf uns. Aber nicht ohne einen Adana Kebab oder andere Grillspezialitäten zu genießen. Von richtigem Hunger konnte eigentlich keine Rede mehr sein, aber die Lira mussten weniger werden und es schmeckte einfach zu gut. Nach dem Essen konnten wir noch einmal beeindruckt werden von dem bunten Treiben in Beyoglu. Auch nach Mitternacht unter der Woche war dort richtig viel los auf den Straßen und die Bars waren voll. Da konnte ich es der Hälfte der Gruppe nicht verdenken, dass sie nochmal wo einkehren wollten. Die andere Hälfte mit mir voran zog es aber um 1:00 Uhr ins Hotel. Der Wecker klingelte ja leider bereits um 6 Uhr am Abreisetag.

Goodbye Big City

Am Mittwochmorgen waren die Koffer schnell gepackt und wir wurden nach zähen Verhandlungen mit zwei Taxifahrern einig, die uns zum Sabiha Gökcen Airport chauffieren durften. Die 38km vergingen natürlich nicht wie im Flug. Der Verkehr zwischen 7 und 9 Uhr war wenig überraschend die Hölle, aber die Ausblicke und ein sattes Morgenrot machten das Ganze dennoch zum Genuss. Auf der asiatischen Seite wurde der Verkehr kurzfristig besser, aber schon bald ging es wieder schleppend voran. Hier konnte man bewundern, wie die Türken aus vier Spuren einfach sechs machten und unser Taxifahrer fröhlich begann mit unserem Leben zu spielen. Waren ein paar irre Manöver drin, die nicht mal ich als routinierter Risiko-Autofahrer wagen würde. Nach 80 Minuten Fahrt waren wir dennoch alle lebendig am Flughafen. Selbstverständlich wollte der Taxifahrer jetzt noch mehr Geld wegen der Brückenmaut, wegen zuviel Verkehr und weil heute ein Mittwoch vor einem Donnerstag war. Wir ließen ihn lächelnd stehen und wünschten viel Erfolg bei den nächsten Touristen.

Mach's gut, bis zum nächsten Mal...
Mach’s gut, bis zum nächsten Mal…

Nach dem Check In bei Pegasus gönnten wir uns noch einen schmackhaften Double Köfte Burger beim ersten asiatischen Mc Donald’s Besuch unseres Lebens und ließen die ganzen Highlights der letzten Tage Revue passieren. Fünf Tage (effektiv 3,5) reichten um eine erste Idee von Istanbul zu bekommen, aber für mehr auch nicht. Wir hatten schon eine ungefähre Ahnung wie es dort ist durch die Berichte von Freunden und von Fotos, Filme usw., aber es war doch oft ganz anders als gedacht. Trotz unterschiedlicher Prämissen war jeder von uns schwer begeistert von Istanbul. Eine Stadt, die man gesehen und erlebt haben muss. Am besten nicht nur einmal.

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