Fulda 10/2016

03.10.2016
SC Borussia Fulda – SC Viktoria Griesheim 0:2
Hessenliga (V)
Stadion der Stadt Fulda im Sportpark Johannisau (Att: 999)

Wie schon 2015, sollte es mich auch 2016 am „Einheitswochenende“ in das einstige Zonenrandgebiet führen. Letztes Jahr war Wolfenbüttel das Ziel, dieses Jahr ging es nach Fulda. NATO-Strategen weltweit natürlich durch die berüchtigte „Fulda Gap“ (Fulda-Lücke) bekannt. Für alle die noch nie einen 3.Weltkrieg geplant haben; unsere Streitkräfte gingen im Kalten Krieg davon aus, dass „Der Russe“ einen konventionellen Angriff auf die Bundesrepublik bei Fulda starten würde. Dort (hessisch-thüringisches Grenzgebiet) ragte Warschauer-Pakt-Territorium am weitesten nach Westen (the so called „Thüringer Balkon“) und dort waren dementsprechend massive Truppenverbände der Roten Armee stationiert. Die Fuldaer Senke wäre das bestmögliche Terrain für einen Panzervorstoss in die BRD gewesen, da nördlich mit dem Harz und südlich mit dem Thüringer Wald und ihren jeweiligen Vorläufergebirgen natürliche Hindernisse für die Panzerarmeen des Warschauer Paktes vorhanden waren. Nach dem Durchbruch bei Fulda wäre „Der Ivan“ mit seiner riesigen Panzerarmee Richtung Rhein-Main-Gebiet vorgestoßen, wodurch „Der Sowjet“ die Bundesrepublik in zwei Hälften geteilt hätte. Logischerweise legte das Verteidigungskonzept der NATO somit einen Schwerpunkt auf die Region Fulda, um im Kriegsfall einen schnellen Vorstoß des Feindes so gut wie möglich zu unterbinden (wobei auch taktische Atomwaffen in Erwägung gezogen wurden).

The Fulda Gap
The Fulda Gap

Bei dem (militär)geschichtlichen und deutsch-deutschen Hintergrund also ein ideales Reiseziel am Tag der Deutschen Einheit für einen Historiker wie mich. Zusammen mit durchaus geschichtsaffinen so genannten Groundhoppern (Wasi, Bobob, Püti & Alex) ging es am Vormittag des 3.Oktobers mit einem geräumigen Mietwagen (Ford S-MAX) nach Osthessen. Für Kurzweil sorgte dabei eine Statistik die Bobob von CTM zugespielt bekam. Dort waren alle in der Tschechischen Republik lebenden Ausländer erfasst und wir schätzten bei jeder Nation die Anzahl der Menschen. Ein Ratespiel mit ständig wechselnden Siegern. Schockierend war, dass wir wirklich selten krass daneben lagen mit unseren Schätzungen. Schon sehr nerdig, aber endlich weiß ich, dass aktuell nur ein Staatsbürger San Marinos in der Tschechischen Republik lebt. Staatsbürger Surinams dagegen gibt es zur Zeit zwei in unserem Nachbarland. Die größte ausländische Gruppe ist übrigens überraschend für mich die der Ukrainer (knapp 120.000), deutlich vor den von mir favorisierten Slowaken (ca. 85.000) und den auch in unserer Reisegruppe hochgehandelten Vietnamesen (ca. 53.000).

Heilig-Geist-Spital
Heilig-Geist-Spital

Nachdem die migrationsfreudigsten Völker mit Destination Böhmen und Mähren nun geklärt waren, tauchte auch schon Fulda auf. Und natürlich ist Geschichte dort auch weniger abstrakt erlebbar, als anhand von Weltkriegsplanspielen. Fulda ist eine der schönsten Barockstädte Deutschlands. Allen voran sind als Vertreter dieser Epoche der Dom St. Salvator und das Fuldaer Stadtschloss zu nennen. Beide Bauwerke entstanden im frühen 18.Jahrhundert.

Stadtschloss Fulda
Stadtschloss Fulda

Der Dom, zunächst Abteikirche des Klosters Fulda und seit 1752 Kathedralkirche des Bistums Fulda, ist das Herzstück der Stadt. Bonifatius, der Apostel der Deutschen, liegt in der Krypta der Kirche begraben. Dementsprechend ist Fulda für Katholiken ein bedeutender Wallfahrtsort. Außerdem findet jedes Jahr die Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda statt.

Der Dom zu Fulda
Der Dom zu Fulda

Wenig später nach Dom und Schloss entstand auch Fuldas erste (kirchliche) Universität (1734). Heute beherbergt der schlossartige Bau eine Grundschule, während die weltliche Hochschule Fulda die Universitätsgeschichte der Stadt fortschreibt. Generell hat man rund um die genannten Großbauwerke eine recht geschlossene Barock-Bebauung; das völlig überraschend Barockviertel genannte Quartier.

Seitliche Ansicht des Doms
Seitliche Ansicht des Doms

Doch Fulda ist nicht nur Barockstadt, sondern kann auf über 1250 Jahre Geschichte zurückblicken. Dementsprechend gibt es auch ein paar mittelalterliche Bauwerke in der Stadt. Das älteste Gebäude ist die frühromanische Michaeliskirche aus dem 9.Jahrhundert. Überhaupt ist sie eine der ältesten Kirchen Deutschlands und der älteste Nachbau der Jerusalemer Grabeskirche auf deutschem Boden. Das passt zu ihrer früheren Funktion als Totenkapelle des Klosters Fulda. Man findet den Sakralbau auf einer Anhöhe direkt neben dem Dom.

St. Michael
St. Michael

In der Innenstadt, die uns erfreulicherweise viele Fußgängerzonen bot, gibt es neben Barockfassaden auch einiges an Fachwerk zu sehen. Dabei ragt besonders das Alte Rathaus heraus, welches in jüngerer Zeit nach dem Zustand von 1531 rekonstruiert wurde. In dessen Nachbarschaft befindet sich wiederum die barocke Stadtpfarrkirche St.Blasius, die auch definitiv einen Blick wert ist. Ihr Hauptportal ist übrigens aktuell eine Heilige Pforte, denn wir (Katholiken) befinden noch bis 20.November im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“. Schreitet man dreimal durch die heilige Pforte, werden dem Gläubigen die Sünden vergeben. Kam mir gerade ganz gelegen. Danke Franziskus!!!

Altes Rathaus
Altes Rathaus

Von der schönen Innenstadt Fuldas, die auch in Sachen Gastronomie breit aufgestellt schien und für eine Stadt dieser Größe (68.000 Einwohner) über auffällig viele Kneipen verfügte, war es nur noch ein Katzensprung zum städtischen Stadion in der Johannisau. Man spaziert von der Altstadt einfach die Fulda entlang nach Süden und überquert diese schließlich kurz nach dem man das Schwimmbad Rosenau passiert hat über eine schöne alte Brücke. Das Stadion von anno 1957 (letzte Renovierung 2009) liegt ganz nett in den grünen Fuldaauen und fasst ca. 18.000 Zuschauer.

Das barocke Dommuseum
Das barocke Dommuseum

Der Verein, der die 96-Größen Sebastian Kehl und Altin Lala hervorbrachte, verlangte bei freier Platzwahl 7€ (4€ ermäßigt) für ein Billet zum Ligaspiel der fünftklassigen Hessenliga. In jene Liga war man letzten Sommer zurückgekehrt, nachdem finanzielle Schwierigkeiten den Verein bis in die Siebtklassigkeit (2010) zurückgeworfen hatten. Davor war man in den 30er und 40er Jahren durchaus eine nationale Größe (Endrundenteilnahmen um die Deutsche Meisterschaft 1934, ’41, ’42 und ’44) und im Nachkriegsdeutschland zumindest eine hessische Fußballgröße, die meist dritt- oder viertklassig spielte. 1998 klopfte man (noch mit Altin Lala, César Thier und Olivier Djappa im Kader) sogar ans Tor der 2.Bundesliga (3.Platz in der Regionalliga Süd). Drei bzw. zwei Punkte fehlten am Ende auf den Aufsteiger SSV Ulm und den Aufstiegsrundenteilnehmer Kickers Offenbach.

Brücke zur Johannisau
Brücke zur Johannisau

Die Regionalliga, nun ja die 4.Liga in Deutschland, dürfte auch mittelfristig das Ziel der Borussen sein. Der Verein wird wieder gut angenommen in Fulda (jüngst 7.000 Zuschauer beim Lokalderby gegen den TSV Lehnerz, heute auch wieder rund 1.000 gegen Viktoria Griesheim), er hat eine kleine aktive Fanszene und ein regionalligataugliches Stadion. Letztes Jahr erreichte man als Aufsteiger einen respektablen 11.Platz, dieses Jahr soll es ein bisschen mehr werden. Nach zuletzt drei Siegen gegen Teams aus dem unteren Tabellendrittel und einem Unentschieden vorgestern gegen den Tabellenzweiten Stadtallendorf, war mit den Griesheimern heute ein Tabellennachbar aus dem oberen Drittel zu Gast. Kleine Bewährungsprobe, ob der Trend anhält und man auf Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen bleiben kann.

Blick aus der Kurve auf die Gegengerade
Blick aus der Kurve auf die Gegengerade

Für etwas Stimmung sorgte dabei ein gutes Dutzend Fuldaer Supporter (erkennbare Gästefans Fehlanzeige), wovon offenbar jeder zweite eine Zaunfahne dabei hatte. Besonders markant war natürlich das Banner der „Sektion Spielsucht“. Die Jungs dürften in jeder Fanszene ihre Brüder im Geiste haben. Aber auch „Party Legion Osthessen“ klang recht lasterhaft. Der Rest des Publikums, vorwiegend auf der überdachten Haupttribüne sitzend, verfolgte das Spiel durchaus interessiert, beschränkte sich aber auf Szenenapplaus bei guten Fuldaer Aktionen und das Gegenteil bei Fouls und strittigen Situationen.

Die Spieler betreten das Grün
Die Spieler betreten das Grün

In der 9.Minute prüfte Fulda erstmals den Griesheimer Torhüter. Kurz danach zeigte der Gästekeeper gleich mal, dass er Abschläge bis kurz vor den gegnerischen Strafraum beherrscht. Vielleicht Griesheims Geheimwaffe? Aber am Drücker blieben zunächst die Hausherren. Bis ins letzte Drittel sah das ganz gut aus, nur zu Abschlüssen kamen sie zu selten. Ich bekam derweil Augenkrebs vom neongelb-pink-weißen Spielball (Danke Puma!!!) und wurde erst in den letzten 10 Minuten vor der Pause wieder vom Spiel mitgerissen.

Im Hintergrund die Fankurve
Im Hintergrund die Fankurve

Es gab nun wieder mehrere gefährliche Angriffe der Borussia. Vor allem ein Spieler namens Felix Beck auf Linksaußen trug schnelle Angriffe vor. Ausgerechnet in dieser Sturm- und Drang-Phase bekam der Gast bei einem seiner wenigen Entlastungskonter einen Strafstoß zugesprochen (39.Min). Doch Schütze und Sturmspitze Pascal Stork hämmerte den Ball mit ca. 111km/h an die Latte. Fünf Minuten später gelang aber dann aus dem Spiel heraus die Führung für Viktoria Griesheim (durch Gürsoy, der aus 16 Metern platziert abschloss).

Das Borussen-Wappen
Das Borussen-Wappen

Somit ging es mit 0:1 in die Pause und ich investierte 2€ in eine wirklich fantastische Rindswurst vom Grill. Sie war außen knackig, innen saftig und exzellent gewürzt. Und serviert wurde sie auch noch in einem knusprigen Brötchen aus einer mutmaßlichen richtigen Handwerksbäckerei. Note 1. Dazu gab es ein erfrischendes Alster (bzw. Radler) der lokalen Brauerei Hochstift für ebenfalls faire 2€.

Delikate Rindswurst
Delikate Rindswurst

In der 2.Hälfte machte Fulda schon früh hinten sehr weit auf und die 3er-Abwehrkette bekam es mit vielen Kontern zu tun. Besonders der flinke Joker Adil Kouskous, der nach einer hervorragenden Beilage für die Rindswurst klang, stellte die hochverteidigenden Borussen vor große Probleme. In der 70.Minute war es dann kein Abseits, weil Kouskous noch in der eigenen Hälfte stand, als er einem langen Ball aus der eigenen Abwehr hinterher startete und den Ball cool am letzten Mann, dem Borussen-Keeper, vorbei schob. 0:2 und dabei blieb es bis zum Ende, weil die Viktoria aus dem Städtchen Griesheim bei Darmstadt den Spielstand souverän verwaltete. Sie hatten über 90 Minuten sehr gut verteidigt und waren bei ihren Angriffen sehr effizient, daher ein verdienter Auswärtssieg. Viktoria Griesheim kletterte nun auf Platz 5, Borussia Fulda rutschte auf Platz 7 ab.

Blick auf die Haupttribüne
Blick auf die Haupttribüne

Mehrheitlich bestand nun eigentlich noch Interesse am Besuch des Points Alpha (nicht zu verwechseln mit Checkpoint Alpha) an der einstigen innerdeutschen Grenze, aber die Öffnungszeiten des Museums dort harmonierten nicht mit der fortgeschrittenen Tageszeit. Also wurde lieber liebevoll in Kirchheim in McRibs à 1,99€ gebissen und danach der Rest der Fahrt wieder heiteren Ratespielen gewidmet. Wer kennt mehr Provinzen der Niederlande, Kantone der Schweiz, Europapokalsieger, Schlachtschiffe des 2.Weltkriegs u.v.m.
Und ruckzuck war es halb neun und ich wieder daheim. What else you gonna do on German Unity Day?

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