Northern Ireland 10/2016

08.10.2016
Glentoran F.C. – Ballinamallard United 1:1
IFA Premiership (I)
The Oval (Att: 1.374)

Im Sommer erreichte mich die Meldung, dass das altehrwürdige Belfaster Stadion „The Oval“ vom Glentoran F.C. in seine letzte Saison geht. Nun war es glasklar; die eh schon anvisierte Reise nach Belfast muss unbedingt mit einem Spielbesuch dort verbunden werden. Der Spielplan wirkte dafür am 8.Oktober sehr freundlich, da nachmittags um 15 Uhr Glentoran den Club Ballinamallard United zum Punktspiel der 1.Liga empfangen sollte und abends obendrein das Länderspiel von Nordirland gegen San Marino im neuen Windsor Park angesetzt war. Frühe Flüge von Hannover über Manchester nach Belfast gab es am Spieltag für 99€ und die Rückreise in der kommenden Woche würde man mit einer Stippvisite in Bournemouth bei unserem Exilanten Milano-Pete verbinden können (Belfast nach London-Gatwick kostete bescheidene 10£).

Flybe-Bomber
Flybe-Bomber

Eine Unterkunft für Pumba, Fat Lo und mich war ebenso schnell gefunden. In Belfast hatte der Club Accor für seine Mitglieder ein Schnäppchen parat (20€ pro Nacht und Nase), was konkurrenzlos günstig war. Zumal das Hotel schön zentral lag und somit eine gute Nahversorgung mit Essen und Trinken gewährleistet war. Und da ich jüngst zu meinem Geburtstag von meiner Familie eine beträchtliche Anzahl an Pfundnoten geschenkt bekam, brauchte ich für das Urlaubstaschengeld nicht an meinen Sparstrumpf. Top-Voraussetzungen für eine preiswerte, aber qualitativ hochwertige Reise.

Endlich wieder normales Frühstück
Endlich wieder normales Frühstück

Am Morgen der Abreise spielte unser Kumpel InterCityBerger dankenswerterweise Chauffeur zum Flughafen Hannover und bereits um 7:25 Uhr waren wir in den bequemen Sitzen der Dash 8Q-400 versunken und landeten 96 Minuten später im bewölkten, aber trockenen Manchester. 3,5 Stunden an Terminal 3 rumgammeln und Frühstück für über 10£ waren natürlich nicht die beste Option. Also fuhren wir erstmal Richtung Innenstadt und stoppten auf halber Strecke in East Didsbury. Im „The Gateway“ gab es drei Large Breakfast und die ersten Pints des Urlaubs (Hazelnut Coffee Porter aus dem Hause Saltaire). Dann ging es ’ne Stunde vor Abflug wieder zum Airport und dort in den nächsten Flybe-Bomber.

Cozy Pub in East Didsbury
Cozy Pub in East Didsbury

Wie schon auf dem ersten Flug hatte ich in Reihe 11 einen Fensterplatz ohne Fenster. Das war jetzt der vierte Flug innerhalb kurzer Zeit, wo das so war. Aus dem Fenster gucken war also nicht und ich wünschte mir, ich hätte wie El Ratto (aka die Leseratte Lo) eine Lektüre dabei gehabt. Aber man kann ja nicht alles haben und keine 60 Minuten später landeten wir auch schon am George Best City Airport in Belfast. Ein Flughafen, der nach einer Fussballlegende benannt ist. Was kann es besseres geben? Wann kommt der Jiri Stajner City Airport Hannover?

Maradona good, Pelé better, George Best
Maradona good, Pelé better, George Best

Nicht besser, aber auch gut, war der Preis von 3,40£ für eine Tageskarte im Belfaster Nahverkehr. Damit kamen wir zunächst vom Flughafen ins Stadtzentrum (was ja auch an den wenigsten Orten so günstig realisierbar ist) und später zu den Stadien. Also nichts wie eingecheckt bei Ibis und sofort wieder los in Richtung Flughafen, denn „The Oval“ lag nur einen Steinwurf vom City Airport in East Belfast entfernt. Vom lokalen Bahnhof war noch ein Fußmarsch von etwa 2.000 Metern zu leisten, der durch erwähntes East Belfast führte. Ein protestantisches Viertel mit vielen Nationalfahnen und Murals (Wandbildern), die eine klare Sprache sprachen.

Welcome to East Belfast
Welcome to East Belfast

East Belfast war der Krone definitiv loyal ergeben! Kinder auf einer Mauer, welche ein Graffito der Terrorgruppe „Ulster Freedom Fighters“ zierte, fragten nach unserem „Club“. Wir flunkerten und warfen Linfield in den Raum. Lauter Jubel brach bei den kleinen Loyalisten aus. Glentoran spielte zwar hier um die Ecke, aber dennoch ist der Ortsrivale Linfield F.C. der mit Abstand liebste Club der Loyalisten (neben den Rangers aus dem schottischen Glasgow).

Aber es muss ja nicht immer Politik sein
Aber es muss ja nicht immer Politik sein

The Oval war ein Traum von Stadion und für 10 Pfund Eintritt erhielten wir Zugang in die „Bruchbude“. Überall bröckelte die Bausubstanz, die Farbe blätterte ab und Unkraut gab es auch nicht wenig. Seit 1892 wird hier Fußball gespielt. Im 2.Weltkrieg zerbombte die deutsche Luftwaffe das Stadion, welches unweit der Belfaster Werften lag. In den frühen 50er Jahren wurde es schließlich nach Jahren des Exils wieder aufgebaut und ist seitdem nahezu unverändert. Außer Plastiksitzschalen und ein paar Eimern Farbe ist nicht mehr viel passiert in den letzten Jahrzehnten. Das lässt das Herz von Fußballnostalgikern pochen, gefährdet aber die Zukunft des Vereins. Glentoran ist hinter Rekordmeister Linfield eigentlich der zweiterfolgreichste Fußballclub des Landes (M: 23; P:22), droht aber den Anschluss zu verlieren. Gerade auch weil sich der Erzrivale Linfield F.C. nun mit dem Verband das modernste Stadion Nordirlands teilt und weil die zwei anderen Ortsrivalen aus dem Norden der Stadt, Crusaders und Cliftonville, in den letzten Jahren sportlich an Glentoran vorbeigezogen sind. Daher wird The Oval leider bald Geschichte sein.

Im Hintergrund die Kräne der werft Harland & Wolff
The Oval (im Hintergrund die Kräne der Werft Harland & Wolff)

Schön, dass ich dort noch einem Spiel beiwohnen durfte, zusammen mit 1.373 weiteren Zuschauern. Glentorans Anhang hatte heute in der Kurve 36 Zaunfahnen geflaggt, was sehr schick aussah. Die ca. 70 Gästefans hatten immerhin auch fünf Zaunfahnen (inklusive Mallard Ultras) im Gepäck und dazu eine Trommel und Gesangsfreude mitgebracht. Sie platzierten sich auf der überdachten Gegengerade des Ovals (dem Railway Stand), während 90% des Heimanhangs entweder auf der ebenfalls überdachten Haupttribüne saßen oder hinter dem Gästetor standen. Daher schnappten wir uns einen Wellenbrecher auf der anderen Hintertortribüne, wo es sehr einsam war.

Ein Traum von Stadion
Ein Traum von Stadion! Fassungvermögen: ca. 26.500 (allerdings sind zur Zeit max. 6.000 Zuschauer zugelassen im The Oval)

Es war der 11.Spieltag der Saison. Der Gast aus Ballinamallard hatte in 10 Spielen bisher 10 Punkte errungen und war Neunter in der Tabelle. Glentoran hatte lediglich 7 Punkte (10.Platz) auf dem Konto, aber schien heute unbedingt gleichziehen zu wollen mit dem Gegner. Die ersten 20 Minuten gehörten jedenfalls der Heimmannschaft, die ein paar Chancen hatte und einige Freistöße in des Gegners Hälfte zugesprochen bekam. Dann kamen die Gäste mehr und mehr ins Spiel und ein Pfostenknaller von Mallards emsigen 10er Johnny Lafferty in der 22.Minute war ihr erstes Ausrufezeichen. Neben Lafferty, fiel auch der 17er Adam Lecky als gefährliche Sturmspitze auf. Fünf Saisontore hatte der bullige Angreifer bereits auf dem Konto und in der 41.Minute schraubte er die Bilanz noch einen Zähler nach oben. Bei einem schönen Pass aus dem Mittelfeld war der nicht zu halten und tauchte allein vorm Torwart auf. 0:1 für Ballinamallard United!

Blick auf den Main Stand
Blick auf den wunderschönen Main Stand

Nach der Pause, in der wir uns mit Irn Bru für 1£ versorgten, hatte Lecky noch mindestens drei 100%ige Chancen, um die Führung der Gäste auszubauen. Aber jetzt war er eher Chancentod, denn eiskalter Knipser. Gut für die Glens, die in den ersten 10 Minuten des zweiten Durchgangs so gut wie nichts zu melden hatten. Stattdessen glichen plötzlich sie durch Ciaran Caldwell in der 56.Minute aus. Das stellte den Spielverlauf der Spielminuten 20 bis 55 etwas auf den Kopf, aber so ist das eben im Fußball, wenn man sein deutliches Chancenplus nicht auch ein deutliches Torplus ummünzt. Fortan war es wieder ein Spiel mit Chancen auf beiden Seiten, aber ein weiteres Tor war keinem der Teams vergönnt. Für Glentoran vielleicht etwas glücklich, aber ich denke auch Mallard ist mit dem Auswärtspunkt halbwegs zufrieden.

Railway Stand und Einflugschneise des Airports
Railway Stand und Einflugschneise des Airports

Nach dem Abpfiff der Partie verloren wir keine Zeit, um wieder in die Innenstadt zu kommen. Ein Bus von East Belfasts Hauptstraße Newtownards Road brachte uns binnen weniger Minuten zurück auf die andere Seite des Flusses Lagan. Wir sprangen am Queen’s Square aus dem Doppeldecker, um ins „McHugh’s“ zu gehen. Der Pub von 1711 behauptet der älteste der Stadt zu sein und war schön urig, aber auch sehr auf Touristen abgestimmt. Über 4£ waren dort für ein Pint des leckeren Roundstone Irish Ale zu investieren. Dafür gab es wenigstens noch Folk live mit Geigen, Gitarren und Sackpfeifen. Der Laden hätte problemlos auch in Dublins Temple Bar Bezirk stehen können.

McHugh's
McHugh’s

Auf den Bildschirmen des „McHugh’s“ lief England versus Malta und bei Bass Extra Smooth vom Fass in der zweiten Runde schauten wir mit einem Auge das Spiel. Außerdem gönnten Lo und ich uns jeder einen Boxty. Boxties sind eine Art Kartoffelpfannkuchen. Nach meinem dafürhalten war es ein Kartoffelteig ähnlich dem der Thüringer Klöße und der wurde in der Pfanne gebacken. Dazu wählte man für 6,50£ sein Wunsch-Topping. Ich nahm Rumpsteakstreifen und frittierte Zwiebeln und Lo entschied sich für Schinken und Käse. Lecker waren die Teile auf jeden Fall, aber nicht sättigend genug, um als Hauptmahlzeit durchzugehen. Laut Speisekarte hat dieses typisch irische Essen seine eigene Volksweisheit: „Boxty on the griddle, Boxty on the pan. If you can’t bake Boxty, sure you’ll never get a man.“

Boxty mit Rumpsteakstreifen
Boxty mit Rumpsteakstreifen

08.10.2016
Nordirland – San Marino 4:0
FIFA World Cup Qualifier (UEFA)
Windsor Park (Att: 18.324)

Nachdem wir nun wussten, was die irische Frau können muss, brachen wir zu Spiel Nr. 2 des Tages auf. Schließlich sollte heute das umgebaute Nationalstadion Nordirlands, der Windsor Park, offiziell mit dem WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino eröffnet werden. Großer Andrang war zu erwarten und so sicherten wir uns bereits am ersten freien Vorverkaufstag Karten für die Haupttribüne (einzig noch verfügbar), die mit knapp 40€ zu Buche schlugen. Am 29.09.2016 gab es dann leider die Schockmeldung, dass Will Grigg nicht im Kader ist. Dabei ist er weiterhin on fire (5 Tore in 10 Spielen für Wigan in der 2.Liga), aber der frisch gebackene Vater sagte Coach Michael O’Neill ab, um erstmal Zeit für Frau und Kind zu haben. Family first…

Welcome to Windsor Park
Welcome to Windsor Park

Die Fans der Green and White Army spülten ihren vermeintlichen Frust über die Absage ihres phantomartigen Superstars mit viel koffeiniertem Likörwein runter. Noch nie habe ich so eine Dichte an Buckfast Flaschen außerhalb von Glasgow gesehen. Gefühlt jeder zweite Schlachtenbummler auf dem Weg zum Stadion hatte eine Pulle von diesem Zaubertrank in der Hand und überall standen leere Pullen auf der Strasse. So ein kleiner Schwips ist ja vielleicht gar nicht schlecht und bereits vor Anpfiff rissen die Nordiren uns mit. Neil Diamonds „Sweet Caroline“, ihre traditionelle Stadionhymne, wurde von rund 18.000 Menschen voller Inbrunst gesungen.

GAWA - Green and White Army
GAWA – Green and White Army

Ein Bekannter von uns aus Harsum lallte während der EM in Frankreich vielleicht doch nicht zu unrecht ins ZDF-Mikro, dass die nordirischen die besten Fans der Welt seien. Die Green and White Army feierte sich selbst noch mit einer bescheidenen Choreographie und gab vom Anpfiff weg Vollgas.  Gareth McAuley, Stevie Davis und der auf der Bank sitzende Superstar Kyle Lafferty wurden mit schönen Chants besungen und natürlich feierte die Green (and) White Army sich und ihr Land lautstark. Ebenso durfte der britische Kracher „Please don’t take me home“ nicht fehlen. Es dauerte tatsächlich bis zur 23.Minute, bis Herr Grigg das erste Mal besungen wurde. Anstelle seiner Person (gegen San Marino hatte er laut Coach O’Neill gute Chancen auf die Startelf) spielte Josh Magennis im Sturmzentrum. Der war mir bestens bekannt, weil Cardiff City ihn 2007 als Torwart unter Vertrag nahm, aber zum Stürmer umschulte. Und jetzt ist er plötzlich Nationalspieler.

Ganz schick die Bude
Ganz schick der neue Windsor Park

Es dürfte wohl niemanden überraschen, dass die Hausherren das Spiel machten und im Minutentakt vor dem Tor San Marinos auftauchten. Aber die San Marinesen verteidigten gut und es brauchte schon einen Strafstoß, damit Kapitän Steven „Stevie“ Davis in der 26.Minute die verdiente 1:0 Führung besorgen konnte. Nun wanderte eine
aufblasbare Partyinsel durch den lautstärksten Fanblock und sie sangen erneut: „You are my Davis, my Steven Davis. You make me happy when skies are grey. So fuck your Lampard and Steven Gerrard. But please don’t take my Davis away!“

Die Teams laufen auf
Die Teams laufen auf

Doch wer glaubte, nun war der Bann gebrochen, wurde enttäuscht. Magennis war nicht wirklich on fire und enttäuschte als Sturmspitze. Die San Marinesen hielten das 0:1 aus ihrer Sicht bis zur Pause und ich gedachte mir kurz vorm Pausentee was zu trinken und zu essen zu organisieren. Doch es war mir vor Anpfiff gar nicht aufgefallen; sämtliche Kioske im Umlauf der Haupttribüne waren geschlossen. Offenbar war dieser Teil des neuen Stadions noch nicht einsatzbereit zum Tag der Stadioneröffnung. Stattdessen musste man vom Oberrang bis runter vor die Tribüne laufen, wo ein Imbisswagen 5.000 Fans versorgen sollte. Die Schlange kann sich ja jeder vorstellen und sie wurde von mir nicht verlängert.

Gut gefüllte Ränge
Gut gefüllte Ränge

Pünktlich zum Pausenpfiff war ich wieder auf meinem Platz und lauschte den „The Undertones“ mit „Teenage Kicks“ aus den Boxen. Ein Song den John Peel genauso liebte wie ich und ihn in seiner Radiosendung beim ersten Mal gleich zweimal hintereinander spielte . Geile Nummer! Danach nochmal „Freeed from desire“, sprich Herr Grigg wurde wieder gefeiert. Dabei bekam die Partyinsel im Block Unterstützung von einem aufblasbaren Riesenpenis (in Cardiff würde man ihn German Rocket nennen). Kurzum; die Stimmung war auch in der Halbzeit ausgelassen.

Die Gegengerade des Windsor Parks
Die Gegengerade des Windsor Parks

In der 2.Hälfte musste San Marino früh einen Platzverweis wegstecken (49.Minute). Doch auch das sollte den Bann nicht brechen. Die Gäste verteidigten jetzt mit 10 anstatt 11 Spielern am eigenen Strafraum und den „Ulster Boys“ fehlte die zündende Idee. Irgendwann haben sie dann doch gemerkt, dass nur Flanken von außen vielleicht doch zu leicht zu verteidigen sind, erst recht wenn die Jungs in der Box zu ungefährlich sind. Sie kamen nun gelegentlich durch die Mitte und von dort zu besseren Abschlüssen. Trotzdem, in dieser Form kein Gegner für Jogis Bundesadlerträger.

Ein Blick auf die Haupttribüne
Ein Blick auf die Haupttribüne

Dazu machte der Torwart von San Marino mutmaßlich das Spiel seines Lebens. Das nicht sehr nette „You Jack Bastard“ der Fans bei jedem Abschlag schien ihn noch stärker zu machen. Es brauchte dann die von den Fans ersehnte und lautstark gefeierte Einwechselung  Kyle Laffertys, um neuen Schwung in die festgefahrene Partie zu bringen. Sechs Minuten brauchte der Superstar, um erstmals zu knipsen. In der 79.Minute platzierte er einen Rechtschuss aus der Straufraummitte nach Zuspiel von Ferguson im Kasten San Marinos. Und weitere sechs Minuten später legte Lafferty seinem Mitspieler Jamie Ward das 3:0 auf. In der letzten Minute der Nachspielzeit (90+4.) unterstrich Lafferty nochmals, dass er heute der perfekte Joker war. Das 4:0 war der Schlusspunkt einer Partie, in der Nordirlands Elf lange Zeit Probleme mit dem Fußballzwerg hatte, aber am Ende doch alle feierten, als wäre heute schon die WM-Quali geglückt. Im übrigen, die besten Fans der Welt dürften die Nordiren wohl nicht ganz sein, aber für einen Nationalmannschaftsanhang schon ziemlich geil!

Mit dem Schlusspfiff marschierten wir schnellen Schrittes aus dem Stadion. So bekamen wir den erstbesten und noch recht leeren Zug vom stadionnahen Bahnhof Adelaide zurück in die Innenstadt. Am zentralen Bahnhof Great Victoria Street dann bereits eine gute Dichte an dichten jungen Leuten (vorwiegend Frauen). Britain at its best. Da geht was!

Partygirls
Partygirls

Der legendäre „Crown Liquor Saloon“ war natürlich überfüllt, ebenso wie der Nachbarpub „Robinson’s Bar“. Also brachen wir auf zum Cathedral Quarter. Dem kleinen Temple Bar von Belfast, wenn man unbedingt einen inneririschen Vergleich bemühen will. Urige Pubs in schmalen Kopfsteinpflastergassen sind natürlich genau das was uns magisch anzieht, aber eben auch tausende andere Feierwütige, die bereits mangels Stadionbesuch früh genug im Partybezirk eintrafen. Kurzum; wir kamen nirgendwo mehr rein. Daher schnappten wir uns ein Taxi und fuhren zu unserem Hotel, wo ja auch Partypotential im Umfeld vorhanden war.

Belfast City Hall at night
Belfast City Hall at night (das Rathaus wird nachts in ständig wechselnden Farben illuminiert)

Zunächst einmal ging es bis Mitternacht in den Wetherspoon-Pub „The Bridge House“, der 200 Meter neben unserem Hotel lag. Hier war es gut voll, aber nicht zu voll. Mit Fensterplätzen hatten wir quasi eine VIP-Loge für das Belfaster
Nightlife bzw. dessen Teil, der sich auf der Straße abspielte. Szenen wie man sie aus Cardiff, Glasgow, Manchester und Co kennt, waren auch in Belfast an der Tagesordnung. Und mit den Damen kommt man auch hier schnell ins Gespräch. Sie setzen sich halt gerne einfach zu einem und schon ist das Eis gebrochen. Wenig später kehrt dann in vielen Fällen unweigerlich Neil Diamond zurück in den Kopf und singt die Passage „Hands, touchin‘ hands
Reachin‘ out, touchin‘ me, touchin‘ you…“ aus Sweet Caroline. Sofern man denn soweit gehen will.

A few pints
A few pints

Nachdem im Wetherspoon das Licht anging, nahmen wir erstmal im Imbiss „Chick’n Lick’n“ einen Mitternachtssnack. Da ich noch so gut wie nüchtern war, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass das endlich mal eine leckere Chickenbude war. Ansonsten habe ich im ehemaligen Empire das Talent in jeder Stadt grundsätzlich den schäbigsten Imbiss anzusteuern. Aber jede Serie geht mal zu Ende, so auch diese!

Vorm Filthy McNasty
Vorm Filthy McNasty

Neben unserem Hotel war im und vorm Filthy McNasty ganz schön was los. Der Name des Ladens war Programm. Mein Flirttipp für alle, wenn sie mal in Belfast sind: „I fall with the door in the house. You have nice boobs“. Der Rest des Abends ist in den Nebeln der Geschichte verschollen… Insgesamt muss ich sagen hat Belfast @Night schon einiges an Potential. Kein Cardiff 2.0, aber stets bemüht.

Ulster Fry
Ulster Fry

Am nächsten Morgen musste erstmal ein ordentliches Katerfrühstück her. Der allerbeste Ort in Belfast, wenn nicht gar auf der ganzen irischen Insel, ist dafür das Café „Maggie May’s“. Für 6£ gönnte ich mir das Large Ulster Fry („The perfect hangover cure!“). Die überraschend deutschsprachige Bedienung servierte mir dafür gegrillte Pilze, gegrillte Tomate, krossen Speck, krosse Würstchen, Spiegeleier, Pommes, Baked Beans, Soda Bread, Potato Bread und einen Pancake. Alles zusammen hat angeblich „nur“ 1.800Kcal (das haben die sich doch schön gerechnet!).

Hauptgebäude der Universität
Hauptgebäude der Universität

Voll von neuer Lebenskraft spazierte unser Trio nun durch das nahe Uni-Viertel von Belfast. An der Queen’s University Belfast studieren ca. 25.000 Menschen vorwiegend naturwissenschaftliche und technische Fächer. Ihr schöner botanischer Garten war nun in der Mittagssonne genau der richtige Ort zum Verweilen. Auf 110.000m² kommen Botanikfreunde hier auf ihre Kosten. Und wenn das Wetter mal nicht so überragend ist, wartet in diesem Quartier das Ulster Museum auf neugierige Besucher, welches unter anderem Kunst, Zoologisches und Ethnografisches zu bieten hat.

Palmenhaus des Botanischen Gartens
Palmenhaus des Botanischen Gartens

Das reizenden Universitätsviertel verliessen wir am frühen Nachmittag wieder Richtung City Centre. Der „Crown Liquor Saloon“, dessen Betreten am Vorabend nicht möglich war, musste endlich besucht werden. Es handelt sich hierbei um vielleicht den schönsten Pub der Welt. Er befindet sich im Besitz des National Trusts und betreiben darf ihn die Pubkette „Nicholson’s Pubs“. Und auch wenn der Pub in jedem Reiseführer seinen Platz hat, sind die Preise noch im Rahmen. Um die 4£ sind für ein Pint in diesem Pub zu investieren, der schon von außen mächtig was hermachte mit seiner reich verzierten Fassade.

The Crown Liquor Saloon
The Crown Liquor Saloon

Im Eingangsbereich gibt es gleich ein schönes Mosaik der Krone auf dem Boden. Die einen sagen, um die Monarchie zu ehren. Die anderen sagen, um sich die Füße auf der britischen Krone abzutreten. Drinnen ist der gesamte Boden mit Mosaiken versehen und die vertäfelten Decken und Wände sind ebenfalls reich mit Schnitzereien verziert. Es ist wahrlich eine Kathedrale des Trinkens, mutmaßlich schmuckvoller als die Gotteshäuser der Stadt.

Die Kathedrale des Trinkens
Die Kathedrale des Trinkens

„The Crown Liquor Saloon“ ist ein so genannter Gin Palace aus viktorianischer Zeit. Edel designte Lokale wie dieses schafften es im späten 19.Jahrhundert den Gin (den Fusel der Armen) auch bei betuchteren Schichten gesellschaftsfähig zu machen. Und da die noblen Bürger der Stadt beim Trinken auf Privatsphäre wert legten, verfügt das Lokal über nicht einsehbare Séparées mit Türen. Diese Nischen sind natürlich sehr begehrt bei den Touris und spätestens am Abend kaum zu kriegen. Kurz nach Ladenöffnung war es kein Problem und wir machten es uns in einer dieser Kabinen bequem.

Unser Séparée
Unser Séparée

Nach zwei Pints im historischen Ambiente war die City Hall von Belfast unser nächstes Ziel. Wir hatten sie schon bei Tag und Nacht von außen bewundert und nun erfahren, dass es kostenlose Führungen gibt. Wir sicherten uns Tickets für die 14 Uhr Führung und kamen dabei bereits mit dem Führer ins Gespräch. Ein pensionierter Lehrer, der exzellentes Deutsch sprach. Er erzählte uns, dass er bis 1974 jedes Jahr zum Schüleraustausch mit seinen Schülern nach Bielefeld gereist ist, aber dann der Nordirlandkonflikt das Austauschprogramm beendete. Nichtsdestotrotz unterstrich er die Wichtigkeit solcher Programme, gerade zur Aussöhnung nach dem 2.Weltkrieg, und er freute sich darüber, dass junge Briten heutzutage so oft nach Deutschland reisen und umgekehrt.

Eingangsbereich des Crown Liquor Saloons
Eingangsbereich des Crown Liquor Saloons

Nachdem ein kurzer Bummel zu JD Sports und Co die Zeit bis zur Führung überbrückt hatte, lernten wir das imposante Rathaus (fertiggestellt vor 110 Jahren) mal von innen kennen. Wir erfuhren, dass der Bau für das Rathaus im südafrikanischen Durban und für Liverpools Port of Liverpool Buildung Vorbild war. Im noblen Sitzungssaal durften wir auf der Regierungsbank Platz nehmen und lernten, dass viele der Möbel der City Hall aus der gleichen Fabrikation wie die Inneneinrichtung der berühmten Titanic kamen. Auch beim Marmor ließ man sich nicht lumpen und bestellte im italienischen Carrara. Übrigens beträgt der Abstand zwischen Regierungseite und Oppositionsseite (die sich gegenüber liegen) wie in Westminster 3,96 Meter. Und das sind zwei Schwertlängen und ein Inch. Ein Sicherheitsabstand aus der Zeit als Abgeordnete noch Schwerter dabei hatten. Wobei mutmaßlich zum Belfaster City Council keiner der Abgeordneten mehr ein Schwert am Mann trug, aber Tradition ist Tradition.

Rathaus nochmal von außen
Rathaus nochmal von außen

Nachdem ein langer Vortrag über die Geschichte der Stadt und des Landes folgte (dazu später mehr), ging der Rundgang weiter und wir schauten uns die Galerie des Rathauses an. Jeder scheidende Lord Mayor darf dort ein Gemälde von sich aufhängen und hat dabei freie Hand, was den Künstler angeht (dafür muss er es auch selbst bezahlen). Uns gefiel das von Nichola Mallon am besten (Bürgermeisterin von 2014 bis 2015), die mittlerweile als Abgeordnete im nordirischen Parlament sitzt. Außerdem sahen wir das angeblich beste Gemälde der Schlacht an der Somme. Eine Schlacht im 1.Weltkrieg (vor ziemlich genau 100 Jahren), die sehr verankert im kollektiven Bewusstsein der kronloyalen Nordiren ist. Der Blutzoll der Freiwilligen aus Ulster im 1.Weltkrieg trug dazu bei, dass der vorwiegend protestantische Teil Irlands nach dem Krieg wunschgemäß im Vereinigten Königreich blieb.

Zu Gast im Rathaus
Zu Gast im Rathaus

Nach unseren Führung stand wieder ein Pflichttermin an, denn an einer Black Taxi Tour kommt der Belfast-Tourist nur schwer vorbei. Von einem Zeitzeugen in einem klassischen Londoner Taxi zu den Schauplätzen des Nordirlandkonflikts gefahren zu werden, ist eine tolle Sache. Vorausgesetzt man versteht den Fahrer. Unser Guide hat sich natürlich bemüht seine Vorträge verständlich zu halten, aber immer wenn wir in den Small Talk abglitten, war es selbst für mich mit meinen C2 Sprachkenntnissen schwierig alles zu verstehen. Zum Glück gehört die Geschichte Großbritanniens im Allgemeinen und der Nordirlandkonflikt im Besonderen zu meinen Kernkompetenzen. Daher nimmt Schneppe Tours jetzt auch mal seinen Bildungsauftrag ernst und gibt einen kurzen historischen Abriss über Belfast und Nordirland:

UVF Mural in East Belfast
UVF Mural in East Belfast

Ich denke mal vielen, die noch nie in Belfast waren, ist unbekannt, dass die Stadt immer noch von hohen Mauern durchzogen ist, um die Konfliktparteien zu trennen (insgesamt rund 21km Mauer durchziehen Belfast). Trotz Karfreitagsabkommen von 1998 und der Entwaffnung und Auflösung der paramilitärischen Organisationen auf beiden Seiten (sieht man von kleinen Splittergruppen ab), empfindet die Bevölkerung solch scharfe Trennlinien immer noch als notwendig. Die Konfliktparteien, das sind vereinfacht irisch-nationalistische Katholiken, die sich eine Vereinigung mit der Republik Irland wünschen, auf der einen Seite, sowie sich dem Vereinigten Königreich zugehörig fühlende unionistische Protestanten auf der anderen Seite. Auch wenn der Konflikt gerne als ein religiöser gesehen und verbalisiert wird, hat er in erster Linie nationalistische-imperialistische Wurzeln.

Peace Line in Belfast
Peace Line in Belfast

Seit dem Mittelalter erhob Englands Krone Anspruch auf die irische Insel und versuchte diesen auf vielen Wegen durchzusetzen. Und die irische Bevölkerung setzte dem wiederum diverse Rebellionen entgegen. Hinsichtlich des zeitgeschichtlichen Nordirlandkonflikts waren die Folgen der neunjährigen „Tyrone’s Rebellion“ (1594-1603) besonders bedeutend. Das elisabethanische England, unter dessen direktem Einfluss nur Teile Irlands standen, versuchte seinen Machtbereich auf die ganze Insel auszubreiten, wogegen die irischen Grafen (angeführt vom Grafen von Tyrone) militärischen Widerstand leisteten.

Mural zur Plantation
Mural zur Plantation

Nach dem endgültigen Sieg der Engländer 1603 begann die „Plantation of Ulster“. England, welches nun unter Jakob I. mit Schottland in Personalunion regiert wurde, siedelte vorwiegend Schotten, aber auch Engländer und Waliser, in der irischen Nordprovinz Ulster an (insgesamt rund 80.000 Siedler in dieser ersten großen Welle). Fortan gab es in Ulster die besitzende Bevölkerungsgruppe schottischer und englischer Protestanten und die arme bäuerliche irische Bevölkerungsgruppe, die zugunsten der neuen protestantischen Siedler enteignet wurde (Grundbesitz in irischer Hand um 1600: ca. 90%. Grundbesitz in irischer Hand um 1700: ca. 10%). Das könnte man als die Wurzel des bis heute anhaltenden Konflikts bezeichnen.

Mural zu Ehren Cromwells
Mural zu Ehren Cromwells

Es folgten knapp vier bewegte Jahrhunderte im Norden Irlands. Schon die irische Rebellion von 1641 zerstörte nachhaltig den Frieden zwischen den Iren und den Neusiedlern. Es gab etliche Massaker an den Protestanten, wovon das Portadown-Massaker das bekannteste ist. Insgesamt sollen ungefähr 12.000 protestantische Siedler bei dieser Rebellion ihr Leben gelassen haben. Diese Gräuel haben sich tief im Bewusstsein der nordirischen Protestanten verankert und als in den kommenden Jahren im Rahmen des englischen Bürgerkriegs der nächste bewaffnete Konflikt über das Land zog, kam es zu vielen Racheakten an katholischen Iren. Ferner sorgte Cromwells Sieg im Bürgerkrieg für die weitere Entrechtung der Iren. Zumindest für jene Iren, die diesen besonders für Irland schrecklichen Krieg überhaupt überlebten (fragt mal einen Iren nach Oliver Cromwell…).

Battle of the Boyne 1690
Battle of the Boyne 1690

Die Briten siedelten nun in einer zweiten großen Welle vorwiegend Bürgerkriegsveteranen aus Cromwells „New Model Army“ in Irland an und manifestierten im Nachgang die Zwei-Klassen-Gesellschaft nochmals. Wer das vertiefen möchte, sollte sich mal mit u.a. den „Penal Laws“ auseinandersetzen, die im späten 17.Jahrhundert erlassen wurden. Und zwischen Bürgerkrieg und den Penal Laws gab es ein weiteres einschneidendes Ereignis in Ulster; den Krieg der zwei Könige Jakob II. (katholisch) und Wilhelm III. (protestantisch) nach der „Glorious Revolution“. Der Sieg Wilhelms (William the Orange) über Jakob bei der Schlacht an der Boyne am 12.Juli 1690 wird noch heute an jedem Jahrestag groß von der protestantischen Bevölkerungsgruppe gefeiert. Riesige Leuchtfeuer (vergleichbar mit unseren Osterfeuern) erhellen die Nacht und die feiernden Menschen singen nationalistische und katholikenfeindliche Lieder. Einer der Tage wo es noch heute extrem knistert zwischen den beiden Lagern in Nordirland.

Mural von König Willhelm lll.
Mural von König Wilhelm lll.

Die Revolutionen, Unabhängigkeitsbewegungen und der Nationalismus des 18. und 19.Jahrhunderts gingen natürlich auch an Irland nicht spurlos vorbei. Da half es wenig, dass Irland anno 1801 als Antwort auf die irische Rebellion von 1798 mit dem Königreich Großbritannien zum Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland uniert wurde. Der Unabhängigkeitswille der Iren war nicht totzukriegen und der Osteraufstand von 1916 wird von den republikanischen Iren als Wendepunkt der Geschichte ihres Landes angesehen. Der Aufstand in Dublin scheiterte zwar, aber danach bekam die legale nationalistische Partei der Iren namens Sinn Fein (irisch-gälisch für „Wir selbst“) regen Zulauf und gewann bei den britischen Unterhauswahlen 1918 über 80% der irischen Mandate. Doch anstatt ihre Plätze in Westminster einzunehmen, bildeten sie ein eigenes illegales irisches Parlament. Es folgte der irische Unabhängigkeitskrieg, der 1921 in der Teilung Irlands mündete. Die sechs mehrheitlich protestantischen der insgesamt neun Grafschaften Ulsters verblieben als Staat Nordirland im Vereinigten Königreich, der Rest der Insel (Munster, Leinster, Connacht und ein Drittel von Ulster) spaltete sich als Irischer Freistaat von Großbritannien ab (ab 1932 dann Republik Irland).

Mural zum Osteraufstand
Mural zum Osteraufstand

Damit war der Konflikt aber keineswegs gelöst. Die Republik Irland vertrat weiterhin den Anspruch die komplette Insel als irische Republik zu vereinen und Nordirland war ja kein rein protestantischer Staat, sondern bei Gründung lebte dort auch rund ein Drittel katholische Iren. Diese große Minderheit gleichberechtigt in den nordirischen Staat zu integrieren war allerdings kein Anliegen der protestantischen Mehrheit. Anstatt eines Verhältniswahlrechts führte man das Mehrheitswahlrecht ein und mittels Gerrymandering wurden die Wahlkreise so gezogen, dass katholische Mehrheiten kaum zustande kommen konnte, auch nicht in den Gemeinden mit katholischer Bevölkerungsmehrheit. Ebenso war das Wahlrecht an Besitz gebunden. Reiche Protestanten hatten bis zu sechs Stimmen, Katholiken in der Regel eine oder manche auch gar keine Stimme. So konnte die protestantische Ulster Unionist Party (UUP) jahrzehntelang ohne nennenswerte Opposition regieren.

Ulster to Britain
Ulster to Britain

Dazu wurden die Katholiken auch in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens diskriminiert und hatten unter der Wirtschaftskrise nach dem 2.Weltkrieg mit einer besonders hohen Arbeitslosigkeit zu leiden. Ende der 60er Jahre versuchte man mit friedlichen Protesten auf die Situation aufmerksam zu machen (wer das vertiefen möchte, recherchiert mal NICRA), aber die Exekutive antwortete mit Gewalt. Es setzten sich die Hardliner unter den Protestanten durch, die jedes Zugeständnis an die katholische Minderheit als Schritt in Richtung Erosion des protestantischen Staates sahen. Als Wendepunkt werden die Unruhen in Nordirlands zweitgrößter und überwiegend von Katholiken bewohnten Stadt Londonderry (der Ire nennt sie nur Derry) im Jahre 1969 angesehen. In Londonderry (wo übrigens dank des erwähnten Wahlrechts die protestantischen Parteien i.d.R. mit 33% der Wählerstimmen 60% der Mandate errangen) eskalierte die Gewalt zwischen den Konfessionen endgültig, als Protestanten in den katholischen Stadtteil Bogside zogen, um dort die Befreiung der Stadt von den Katholiken vor 280 Jahren zu feiern. Die katholische Bevölkerung lieferte sich nun mehrere Tage Straßenschlachten mit den militanten Protestanten und der Polizei (die landesweit fast ausschließlich aus Protestanten bestand). Unruhen die sich auch auf die anderen Städte des Landes ausbreiteten, vor allem auf die Hauptstadt Belfast!

Bogside '69 (Skulptur in Hannover)
Bogside ’69 (Skulptur in Hannover)

Kurzer Einschub: In Hannover gibt es übrigens die Skulptur „Bogside 69“, die der Künstler Hans-Jürgen Breuste in Erinnerung an die Ereignisse von 1969 schuf. Sie steht in der Osterstraße, mitten in der City. Eine weitere Skulptur Breustes namens „Derry“, die mutmaßlich ebenfalls vom Nordirlandkonflikt inspiriert ist, steht neben dem fantastischen Restaurant „Loretta’s“ unweit des Niedersachsenstadions in der Culemannstrasse. Wenn ihr das nächste Mal daran vorbeischlendert, denkt ihr vielleicht an Nordirland und diesen Reisebericht.

Skulptur Derry
Skulptur Derry in Hannover

Den Unruhen des Jahres 1969, bei denen acht Menschen starben, hunderte verletzt wurden, ganze Straßenzüge niederbrannten und durch beiderseitige Vertreibungen endgültig 100% religiös homogene Wohnviertel geschaffen wurden, wurde die nordirische Polizei nicht mehr Herr. Der nordirische Premier bat daher in Westminster um Hilfe und Großbritannien entsandte das Militär, welches zunächst als neutrale Macht auch von den Katholiken positiv empfangen wurde. Eine Stimmung, die nicht lange anhielt, da die British Army logischerweise mit der bei den Katholiken verhassten lokalen Polizei zusammenarbeiten musste und bald nicht mehr als neutral angesehen wurde. Auf beiden Seiten gewannen die paramilitärischen Gruppen an Bedeutung. Auf irisch-katholischer Seite die jüngst gespaltete Irish Republican Army (in die Official IRA, kurz OIRA und in die Provisional IRA, kurz PIRA) und auf britisch-protestantischer Seite die Ulster Volunteer Force (UVF) und weitere Kommandos (UDA und UFF z.B.).

Gedenken an zwei 1973 von der Army getötete IRA-Terroristen
Gedenken an zwei 1973 von der Army getötete IRA-Terroristen

In Belfast eskalierte der Konflikt Anfang der Siebziger Jahre völlig, wo sich die IRA (sowohl PIRA als auch OIRA) einen Guerillakrieg mit dem britischen Militär lieferte, welches wiederum durch seine Gegenmaßnahmen weiter in den Konflikt hereingezogen wurde. Große Razzien des Militärs in katholischen Vierteln auf der Suche nach Waffen und Terroristen mit unmittelbaren Toten und Verletzten spülten den IRA-Gruppen (besonders der radikaleren und jüngeren PIRA) weitere Freiwillige zu. Und auf protestantischer Seite rüsteten die Terrorgruppen ebenfalls auf, um unabhängig von offiziellen Organen gegen die Katholiken zu kämpfen. Teilweise arbeiteten die protestantischen Terroristen sogar heimlich mit dem Militär und der Polizei zusammen, obwohl offiziell auch sie verfolgt wurden. Ein wirklich gut gemachter Film über die Situation in Belfast zu jener Zeit ist „’71“ von Yann Demange aus dem Jahre 2014. Kann ich nur jedem empfehlen, sich den Streifen mal anzuschauen.

Loyalistisches Mural in East Belfast
Loyalistisches Mural in East Belfast

Großbritanniens Antwort auf die zunehmende IRA-Macht war die Internment-Politik der frühen 70er Jahre, wodurch zahlreiche Terrorverdächtige ohne Gerichtsverfahren interniert wurden. Das heute als Museum genutzte ehemalige Belfaster Gefängnis in der Crumlin Road kann dem Besucher der Stadt anschaulich von dieser Zeit erzählen. Trauriger Höhepunkt jener Konfliktphase war der Blutsonntag („Bloody Sunday“) in Londonderry am 30.Januar 1972. Das Militär eröffnete an diesem Tag das Feuer auf einen großen Protestzug gegen die Internment-Politik. 14 demonstrierende Katholiken starben durch Kugeln britischer Fallschirmjäger. Die Vergeltung der IRA folgte mit einer Welle von Anschlägen. 1972 wurde nun das blutigste Jahr des ganzen Konflikts. Es starben bis Jahresende 479 Menschen im Rahmen dieses Bürgerkriegs (davon 247 Zivilisten).

Ulster Freedom Fighters (est. 1973)
Ulster Freedom Fighters (est. 1973)

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung wurde der Stormont, Nordirlands Parlament, aufgelöst und die Region fortan von London direkt regiert (durch den Nordirlandminister). Eine als Übergangslösung gedachte Maßnahme, die aber bis in die späten 90er Jahre der Status Quo blieb. Auf den weiteren Konfliktverlauf ging unser Guide besonders ein. Im protestantischen Shankill-Viertel hielten wir zum Beispiel an einem Denkmal für die Opfer eines Bombenattentats auf einen Fish Shop in der Shankill Road. Eine Passantin stoppte und fragte unseren (katholischen) Führer nach seinem Namen und forderte ihn auf ja die Wahrheit zu erzählen. Dann ergriff sie uns gegenüber das Wort und redete darüber wie der katholische Terror ihrer Familie geliebte Menschen entriss und dass ihre verwitwete Schwester immer noch nicht über den Verlust ihres Mannes hinweg ist. Es war ein krasser Moment dieser Tour. Sie sagte, in ihrer Generation wird echte Versöhnung noch nicht möglich sein, nur friedliche Koexistenz.

Unser Guide an der Peace Line
Unser Guide an der Peace Line

Man muss die Geschichte des Landes kennen und verstehen und die Geschichte der Leute vor Ort hören (von beiden Seiten), um Belfast und Nordirland zu begreifen. Um zu verstehen woher der Hass kommt und wieso das Land immer noch, trotz Frieden, durch Mauern in den Städten und in den Köpfen geteilt ist. Jene Mauern, die so genannten „Peace Lines“ schauten wir uns natürlich auch an. Dort sorgte unser Guide, wie immer Mal zwischendurch, für einen heiteren Moment. Wir sollten uns doch gerne mit einem Edding auf der mit Graffiti übersähten Mauer verewigen. Davor fragte er, ob wir schon deutsche Botschaften an der Mauer entdeckt hätten. „Alles für FC Köln is written there.“ „Oh, what does it mean?“ „Oh, it’s just a Football Club from Cologne“ „Do you hate them?“ „Yes, of course!“ „Okay, wait a moment…“ Dann notierte er „Shit Team“ mit einem Pfeil unter „FC Köln“ und war sich unseres Beifalls sicher.

FC Köln = Shit Team
FC Köln = Shit Team

Danach ging es ins katholische Falls Road Viertel, welches nur einen Steinwurf (selten hat diese Metapher besser gepasst) vom protestantischen Viertel entfernt war. Dazu fuhren wir durch eines der Tore der Mauer (welche über Nacht immer verschlossen werden) und steuerten eine Gedenkstätte auf der anderen Seite an. Der Guide erzählte wie Protestanten 1969 (die erwähnten Unruhen, die von Londonderry nach Belfast überschwappten) hier die katholische Bombay Street niederbrannten. Auf den Gedenktafeln der Katholiken wurde zwischen Zivilisten und IRA-Terroristen unterschieden, wenngleich sie dort natürlich nicht als Terroristen bezeichnet wurden. Auch hier fiel auf, es traf hauptsächlich Unschuldige anstatt Kombattanten.

Katholische Gedenktafel für die Opfer aus der Clonard Area
Katholische Gedenktafel für die Opfer aus der Clonard Area

Ich musste wieder unweigerlich an eines der ersten Wandbilder der Tour denken im Shankill Viertel. Auf jenem wurde Stephen „Top Gun“ McKeag geehrt. Der Mann bekam seinen Beinamen, weil er Anfang der 90er Jahre mehrmals die gleichnamige unrühmliche Trophäe erhielt für die meisten Morde an irisch-republikanischen Menschen im Jahr. Zu seinen Opfern gehörten neben republikanischen Terroristen auch viele Zivilisten, die einfach nur kaltblütig aufgrund ihrer Religion bzw. ihrer Ethnie ermordet wurden. Mutmaßlich um diese verdammte Trophäe zu bekommen. Doch in der protestantischen Community scheint er für viele ein Kriegsheld und kein Verbrecher zu sein.

Stephen McKeag Mural
Stephen McKeag Mural

Zum Abschluss unserer Rundfahrt fuhren wir zu einem großen Mural an der Falls Road. Die dortigen Bilder und Ausführungen des Guides passen perfekt in die Chronologie meines geschichtlichen Abrisses, denn es ging hier vorwiegend um den „Blanket Protest“ 1976, den „Dirty Protest“ 1978 und den Hungerstreik von 1981. Der „Blanket Protest“ folgte auf die britische Statusänderung der inhaftierten Terroristen von politischen Gefangenen zu gewöhnlichen Kriminellen. Sie hätten nun Gefängnisuniformen tragen müssen und verweigerten sich durch Nacktheit bzw. durch das Einhüllen der nackten Körper in Decken (Blankets). Es gab dann einen fließenden Übergang zum „Dirty Protest“, bei dem sich die IRA-Terroristen weigerten die sanitären Anlagen aufzusuchen, da sie angaben auf dem Weg dorthin von den Wärtern misshandelt zu werden. Man verlegte die Protestierenden nun in Zellen ohne Toiletten und Wasseranschluss, so dass sie fortan in ihrem Exkrementen lebten.

Blanket Protest
Blanket Protest

Beide Proteste blieben erfolglos und die nächste und drastischte Maßnahme wurde eingeleitet mit den Hungerstreiks von 1980 und 1981. Der Streik von 1980 wurde beendet, weil die Regierung ihnen ein Entgegenkommen zusicherte in Sachen Status. Am Ende wurden alle Forderungen bis auf eine erfüllt; das Tragen von Zivilkleidung. Die inhaftierten Terroristen begannen nun einen zweiten Hungerstreik währenddessen auch noch der Streikende Bobby Sands ins britische Unterhaus gewählt wurde. Der Druck auf die Regierung war nun enorm und die Streikenden waren entschlossen bis zum äußersten zu gehen, doch Großbritannien unter Thatcher blieb hart. 10 Streikende, darunter Bobby Sands, ließ man verhungern.

Terrorist und MP Bobby Sands
Terrorist und MP Bobby Sands

Innenpolitisch wurde der Thatcher-Regierung mehrheitlich applaudiert für die Härte gegenüber Terroristen, aber außenpoltisch wuchs der Druck auf Großbritannien. Außerdem bekam die (P)IRA soviel Zulauf wie seit Beginn der 70er Jahre nicht mehr und die 80er Jahre fegte eine neue Welle des Terrors über Nordirland und Großbritannien. Gleichzeitig bekam der legale politische Arm der irischen Nationalisten, die Partei Sinn Fein, mit ihrem zwielichtigen Führer Gerry Adams, mehr und mehr Stimmen und Mandate.

UFF Mural in East Belfast
UFF Mural in East Belfast

In den 90er Jahren war dieser Konflikt auch für mich als Kind noch sehr präsent und ich entwickelte dafür von kleinauf ein riesiges Interesse. Gerade weil sich „The Troubles“ nicht irgendwo weit weg, sondern quasi vor der eigenen Haustür abspielten. Belfast war zu meiner Schulzeit noch eine No-Go-Area, kein Ziel für Urlaub oder Klassenfahrten. Ein beliebter Scherz war: „Belfast kannste nicht hinfliegen. Der Jet Lag macht dich fertig. Du musst deine Uhr nämlich 350 Jahre zurückstellen.“ Gerade die Geschichte der „Guildford Four“ und der dazugehörige Kinofilm „In the Name of the Father“ haben sich aus dieser Zeit in meinem Gedächtnis verankert. Und bei einem Aufenthalt in Glasgow war der Konflikt für mich auch indirekt spürbar (gerade im Fussballkontext). Die Anhänger der Rangers und des Celtic F.C. führen ja bekanntermaßen eine Art Stellvertreterkrieg um Nordirland bzw. um katholisch versus protestantisch und  irisch-republikanisch versus britisch-loyalistisch.

Protestantische Nordiren lieben die Rangers aus Glasgow
Protestantische Nordiren lieben die Rangers aus Glasgow

1996 kehrte die IRA während der EM nochmal eindrucksvoll in mein Gedächtnis zurück. Die Bombe in Manchester, einen Tag vor dem Gruppenspiel Deutschland-Russland im Old Trafford, war die größte Detonation auf britischem Boden seit dem 2.Weltkrieg. Gott sei dank bekam der Konflikt schon zwei Jahre später (für mich damals durchaus überraschend) seine entscheidende Wende in Richtung Frieden. Das Karfreitagsabkommen von 1998 überführte den gewalttätigen Konflikt in eine Phase der politischen Lösungsfindung. Die Republik Irland gab ihren konkreten Anspruch auf Nordirland auf, Großbritannien wiederum schloss die Wiedervereinigung nicht aus, sollte sich in Nordirland die Bevölkerung eines Tages dafür aussprechen. Die Paramilitärs legten ihre Waffen nieder, England verringerte seine Truppenpräsenz, die nordirische Polizei wurde reformiert u.v.m.

Die B-Specials, eine legale Miliz protestantischer Unionisten
Die B-Specials, eine legale Miliz protestantischer Unionisten

Der Terror ist vorbei, aber der Konflikt ist dennoch weiter am Lodern und Gewalt flammt immer wieder auf. Wie z.B. 2012, als beschlossen wurde, dass der Union Jack nicht mehr täglich auf dem Belfaster Rathaus wehen soll. Und bis heute sind natürlich die Märsche des Oranier-Ordens im Sommer jeden Jahres zur Erinnerung an den weiter oben aufgeführten Sieg von William the Orange über Jacob II. (1690) ein Konfliktherd. Die Protestanten wollen wie eh und je auch durch die Viertel der Katholiken paradieren. Bekommen sie die Provokation genehmigt, eskaliert es zwischen ihnen und den Katholiken. Bekommen sie ihre Route nicht genehmgt, eskaliert es zwischen ihnen (bzw. vor allem den Massen, die sich der Parade anschließen) und der Polizei, die die Katholiken-Viertel dann absichert.

Trotz "Peace Line" schützen die Anwohner ihre Häuser seperat
Trotz „Peace Line“ schützen die Anwohner ihre Häuser seperat

Doch trotz allem, die Zeiten des schwerbewaffneten Konflikts sind hoffentlich unwiderruflich Vergangenheit. Heute jedenfalls ist Belfast alles andere als eine No-Go-Area, sondern ein sicheres und vor allem sehr sehenswertes Reiseziel. Gerade in der Innenstadt ist die Segregation nicht spürbar präsent. Beim Einkaufen, Feiern oder Essen gehen fragt keiner nach deiner Religion, aber am Ende des Tages gehen alle wieder in ihre Viertel zurück und bleiben dort unter sich. Liebesbeziehungen entwickeln sich selten zwischen den Gruppen und wenn, werden sie meist nicht von der Familie toleriert. Außerdem gehen über 90% der Kinder in konfessionell homogene Schulen und schon bald wird Prognosen zufolge die irisch-katholische Bevölkerungsgruppe in der Mehrheit sein. Man muss sehen wie eine etwaige Koalition aus Sinn Fein und SDLP damit dann umgeht und wie die Protestanten auf eine Machtverschiebung reagieren. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

No more (hopefully)
No more (hopefully)

Nach einem ganzen Nachmittag voll von Geschichte, hatten wir noch nicht genug und ließen wir uns vom Taxifahrer ins Titanic Quarter fahren. Dabei plauderte er nochmal aus dem Nähkästchen wie die IRA damals de facto in seinem Viertel das Gesetz war (die Polizei traute sich gar nicht in die Viertel und niemand wäre auf die Idee gekommen bei einer Straftat die Polizei anstatt die IRA zu rufen). Eines Tages fand er abends eine Patrone auf dem Fernseher. Die hatte die IRA dort platziert und das hieß vorstellig werden oder schlimmstenfalls sterben. Jemand hatte ihn eines Verbrechens bezichtigt, aber das Tribunal entschied nach seiner Vorsprache zu seinen Gunsten. Besonders toll fand der Mann diese Zeit auf jeden Fall nicht.

Hier lag mal die Titanic. Im Hintergrund das futuristische Titanic Museum und die Kräne der Titanic-Werft Harland & Wolff
Hier lag mal die Titanic. Im Hintergrund das futuristische Titanic Museum und die Kräne der Titanic-Werft Harland & Wolff (90m hoch)

Dann war erstmal Schluss mit den Troubles und ein anderes tragisches Kapitel der Stadtgeschichte (im weitesten Sinne) wurde aufgeklappt. Die Geschichte der Titanic ist natürlich eng verbunden mit seiner Produktionstätte Belfast. Die Werft Harland & Wolff, allein schon durch die riesigen Kräne Samson und Goliath aus dem Stadtbild Belfasts nicht wegzudenken, hatte mit der Titanic das seinerzeit größte Schiff der Welt vom Stapel gelassen. Die weitere Geschichte sollte wohl jedem bekannt sein und kann in Belfast hervorragend aufbereitet nachvollzogen werden.

Munchie Box (im Bild fehlt der Berg Dönerfleisch und der gesunde Salat)
Munchie Box (im Bild fehlt der Berg Dönerfleisch und die gesunde Salatbeilage)

Nach dem Overkill an Geschichte und Politik hatten wir uns redlich was zu essen verdient. Und siehe da; die Munchie Box hatte den Weg über den kleinen Teich von Schottland nach Nordirland geschafft. Kein Jahr ist es her, als ich mit der Munchie Box in Edinburgh die Liebe meines Lebens fand. Umso schöner, dass unsere heiße Affäre in Nordirland in die nächste Runde ging. Vollgefressen wurden die Impressionen des Tages im Pub bei ein paar Pints rekapituliert. Dieser schloss um Mitternacht und das war unser Signal zu Bett zu gehen. Denn für den nächsten Tag hatte ich erneut ein strammes Programm vorgesehen.

Schwarzes Gold
Schwarzes irisches Gold

Montagmorgen ging es um 8 Uhr zur Autovermietung Hertz am Hauptbahnhof von Belfast und dort wurde für 28€ ein Ford Focus bis Betriebsschluss (17 Uhr) gemietet. Natürlich wurde an der ersten Kreuzung der Rechtsverkehr eingeführt (Klassiker!), aber spätestens als wir aus dem morgendlichen Stadtverkehr raus waren und auf Carrickfergus zusteuerten, wurde es ein ganz gemütliches Cruisen entlang der Causeway Coastal Route.

Carrickfergus Castle
Carrickfergus Castle

Erster Stopp war erwähntes Carrickfergus. Ein nette Kleinstadt am Belfast Lough (der Bucht von Belfast). Neben der Altstadt, inklusive mittelalterlichem Pranger, ist natürlich das Castle der Blickfang dieser Gemeinde. Direkt am Ufer ist es seit ca. 1180 ein zinnenbewehrter Fels in der Brandung. Es war die Phase als die Engländer (Normannen) begannen ihre Herrschaft auf Irland auszudehnen und ihnen dies vor allem an der Küste gelang. Carrickfergus war im Mittelalter die wichtigste Festung der Anglonormannen in Ulster, als die heutige Hauptstadt Belfast noch Marschland war. Hier landete 1690 Wilhelm III. (William of Orange) und begann seinen siegreichen Feldzug in Irland gegen den katholischen König Jakob II. von England (übrigens sein Schwiegervater). Aber das Thema hatten wir ja schon…

Seaside Resort Whitehead
Seaside Resort Whitehead

Nachdem gerade so eine Überdosis Geschichte in Carrickfergus abgewendet werden konnte (ich redete mich wieder in einen Rausch und bildete mir ein, die Mitreisenden würden nur ob der frühen Tageszeit gähnen), ging es die Küste weiter nach Whitehead. Ein beliebtes Urlaubsziel der Belfaster in viktorianischer Zeit, wovon die schönen Häuser an der Uferpromenade zeugen. Der namensgebende Felsen hatte noch einen weißen Leuchtturm zu bieten, aber uns zog es schnell wieder auf die Straße. Zuviel stand noch auf dem Programm.

The Glens of Antrim
The Glens of Antrim

Wir cruisten wieder die Küstenlinie entlang und irgend einer fing dabei immer an „Sweet Caroline“ zu summen oder zu pfeifen (verdammter Ohrwurm!). Wo immer es uns gefiel (also circa alle 2km) hielten wir kurz für genüssliche Anblicke und schöne Fotos. Nächstes richtiges Ziel war das Hinterland der Küste, die Glens of Antrim (die Täler von Antrim). Dafür verließen wir bei Waterfoot die Küstenstraße und steuerten eine Logde in den Bergen an. Das Wetter war mittlerweile fantastisch und besonders Wasserfall-Nerd Fat Lo legte Wert darauf diesen Spot mitzunehmen.

Wasserfall Ess-na-Crub
Wasserfall Ess-na-Crub

Der Umweg lohnte, denn die Wasserfälle der Flüsse Inver und Glenariff (allen voran Ess-na-Crub und Ess-na-Larach) waren wirklich sehenswert und mal in den Bergen ein paar Kilometer die Beine vertreten ist ja auch nicht schlecht bei der ganzen Autofahrerei. Also wanderten wir ein bisschen durch den Naturpark, der an das Bodetal im Harz erinnerte und neben den Wasserfällen berühmt für seine Roten Eichhörnchen (Red Squirrels) ist.

Wandern im Glenariff Forest Park
Wandern im Glenariff Forest Park

Back on the road war das Wetter mittlerweile so gut, dass man bis rüber nach Schottland gucken konnte. Die Mull of Kintyre, einst von Paul McCartney besungen, zeichnete sich deutlich am Horizont ab. Dann kamen wir etwas von der Küste ab und durchfuhren den Ballypatrick Forest. Dieser Nadelwald wirkte zusammen mit einer Moor- und Heidelandschaft schon wieder fast skandinavisch. Wirklich abwechslungsreich, die Natur Nordirlands.

Die malerische Küste des County Antrim
Die malerische Küste des County Antrim

Dann erspähte ich irgendwann ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift „Kinbane Head (No Coaches)“. Wir bogen in die schmale Straße ein und steuerten auf den Geheimtipp der Tour zu; Kinbane Castle. Am Ende der Straße parkte man auf einer hohen Klippe und sah erstmal nichts Spektakuläres. Doch der Pfad der sich am Ende des Parkplatzes den Felsen hinunter schlängelte, offenbarte das eigentliche Ziel: Die Ruine von Kinbane Castle auf einem vorgelagerten Felsen im rauschenden Meer. Ein Wahnsinnsan- und ausblick! Und dazu auch noch gänzlich tourifrei, da die Bustouren es nicht ansteuern können und die Standardreiseführer dieses Kleinod meist verschweigen. Wir waren uns einig, genau hierfür sind wir heute unterwegs.

Kinbane Head
Kinbane Head

Keine Frage, wir mussten unser Cliff hinabsteigen zum Meer und dann das Kalksteinsteinkap erklimmen. In unserem Rücken lag nun die stark zerklüftete Küste Nordirlands und vor uns das Meer und die Insel Rathlin. Schönheit in jeder Himmelsrichtung!

Die Ruine von Kinbane Castle
Die Ruine von Kinbane Castle

Es war wirklich ausschließlich der Anglitz dieses Ortes, und nicht der drohende steile Wiederanstiegs zum Parkplatz, der uns lange verweilen ließ. Damit am Ende aber kein Spot auf meiner Liste hinten runterfiel, musste es irgendwann weitergehen und wieder auf dem Parkplatz waren wir fertiger als nach 90 Minuten Fußball. Hier hat der Herr Gott den Schweiß nach den Erfolg gestellt. Zum Glück hatten wir genug zu trinken dabei und Cashewkerne als kleinen Energielieferanten.

Die zerklüftete Küste Nordirlands
Die zerklüftete Küste Nordirlands

Nach wenigen Kilometern zwang ich der Gruppe einen weiteren Stopp auf. Eine weiße mittelalterliche Kirche war einfach nicht gut genug aus dem fahrenden Auto zu fotographieren. Und danach gab es noch einen Foto-Stopp an der Ruine von Dunseverick Castle. Auch wieder ein atemberaubender An- und Ausblick. Ich freue mich schon tierisch darauf hier wieder herzukommen und noch mehr zu sehen. Denn die Küste hier hat Potential für ’ne ganze Woche und nicht nur einen Tag.

Parish Church in Ballintoy
Parish Church in Ballintoy

Nun wollten wir den Pflichtbesuch der Hängebrücke von Carrick-a-Rede realisieren, aber wir beließen es beim Anblick der mit Touris überfüllten Brücke. Bis auf die zugegeben spektakuläre Hängebrücke, war das jetzt nicht soviel anders als am Kinbane Head. Da sparten wir uns die 5,90£ Eintritt und steuerten auf den Namensgeber unserer Route zu, den Giant’s Causeway, Nordirlands Unesco World Heritage Site. Viele glauben, dass man gezwungen ist durch das Besucherzentrum zu diesem Naturwunder zu gehen. Aber wenn man sich bereits mittels anderer Quellen über die naturwissenschaftlichen Hintergründe des „Damms der/des Riesen“ und ebenso über die Foklore dazu informiert hat, kann man sich die 9£ auch sparen und außen um das Gebäude herumgehen.

Auf dem Weg zum Giant's Causeway
Auf dem Weg zum Giant’s Causeway

Nach wenigen hundert Metern bergab, die Menschen mit Mobilitätsproblemen auch mit einem Shuttlebus zurücklegen können, erreicht man die eindrucksvolle Felsformation „Giant’s Causeway“. Es handelt sich um etwa 40.000 meist sechseckige Basaltsäulen unterschiedlicher Höhe, die wie ein Damm ins Meer hineinragen. Vor etwa 60 Millionen Jahren bildete sich dieser Damm aus Basalt durch die langsame Abkühlung sehr heißer Lava auf dem Gestein.

Der Damm ins Meer
Der Damm ins Meer

Bevor die Wissenschaft diese Erklärung lieferte, hatte sich natürlich die Folklore der Sache angenommen. Der Sage nach wollte ein aufgepumpter Riese aus Irland namens Finn McCool in seiner Massephase unbedingt eine Munchie Box essen. Doch jene gab es seinerzeit nur in Schottland. Damit ein befreundeter schottischer Riese namens Benandonner ihm regelmäßig Munchie Boxen aus Glasgow liefern konnte, baute Finn McCool einen Damm nach Schottland, den Giant’s Causeway. Eine Zeit lang lief das Geschäft prima und die fettigen 96inch-Pizzakartons mit frittierten Delikatessen wanderten täglich rüber von Schottland nach Ulster. Als Benandonner jedoch die Preise anhob, gerieten die beiden Riesen in Streit und der Schotte zerstörte den Damm wieder.

Die höchsten Säulen des Basaltdamms
Die höchsten Säulen des Basaltdamms

Finn McCool war nun stinksauer und riss ein riesiges Stück Erde aus Irland heraus (das heutige Lough Neagh) und warf es Richtung Schottland, um Benandonner zu erschlagen. Doch ohne seine Munchie Box Kalorien war der Riese schwach geworden und der riesige Brocken bewachsenes Gestein landete auf halber Strecke in der irischen See (die heutige Isle of Man). Schließlich siedelte er in Belfast seine eigenen Pakistaner an, die ihn fortan in ihren Take Aways mit frischen Munchie Boxen versorgten. Ein Damm nach Schottland war somit überflussig geworden und die Reste davon bewundern wir noch heute als UNESCO Welterbe.

Finn McCool
Finn McCool

Vor Ort erzählen sie zwar eine andere schöne Variante der Geschichte von Finn McCool und Benandonner, aber das ist zumindest die Version, die ich für am plausibelsten halte. Anschließend widmeten wir uns nach dem Ausflug in die vermeintliche Welt der Riesen wieder einem Bauwerk von Menschenhand. Nur wenige Kilometer östlich vom Giant’s Causeway erhebt sich Dunluce Castle über dem Meer.

Dunluce Castle
Dunluce Castle

Dunluce Castle gehört übrigens zum Städtchen Bushmills. Ein Ort, der Whiskeyfreunden sicher geläufig ist. Dort kann man die Old Bushmills Distillery besuchen, eine der ältesten Brennereien der Welt. Ein Programmpunkt für ein andern Mal, denn wir mussten nun den Rückweg nach Belfast antreten. Das Zeitfenster war aber wenigstens noch komfortabel genug, um auch auf der Rückreise hier und da zu stoppen, z.B. an der traumhaften Bucht von Ballycastle. Dazu servierte BBC 2 Hits von Blondie, David Bowie, Amy Winehouse und natürlich „Sweet Caroline“ von Neil Diamond. Zufälle gibt’s!

Die Bucht von Ballycastle
Die Bucht von Ballycastle

Nachdem der Mietwagen unversehrt wieder bei Hertz abgegeben war, rief uns der freundliche Mitarbeiter ein Taxi und beglückwünschte uns zur Destination Wetherspoon’s Pub. Dort war heute Mexican Monday und auf so einen Burrito hatten wir jetzt schon derbe Bock. Es war die erste Mahlzeit des Tages und wir waren bereits 11 Stunden auf den Beinen. Folglich war es erstmal mehr schlingen, denn geniessen. Aber man sich ja auch noch einen zweiten Snack bestellen. Und so verweilten wir noch ein wenig bei Pints und Hot Food im Pub und schauten uns die Fotos der Tour an. Was war das nur für ein geiler Tag!

Burrito Time!
Burrito Time!

Am Dienstag gab es nun nichts mehr in Belfast zu sehen, was ein (sehr) frühes Aufstehen gerechtfertigt hätte, so dass wir halbwegs ausgeschlafen am Vormittag auscheckten und mit dem Bus zum Belfast International Airport fuhren, der aber wie der George Best City Airport ein kleiner Vertreter seiner Zunft ist. Gefühlt war unsere Maschine nach Gatwick gerade die einzige Maschine, die in naher Zukunft abheben sollte, denn der Flughafen war mittags nahezu menschenleer. Mit einem späten Frühstück im Magen nahmen wir Abschied von Belfast. Eine Stadt, wo ich lieber Auf Wiedersehen anstatt Tschüß sage.

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