Bukarest und Brasov 02/2017

25.02.2017
Dinamo Bucuresti – CS Universitatea Craiova 2:1
Liga I (I)
Arena Nationala (Att: 10.442)

Ziemlich genau drei Monate vor Reiseantritt war wieder dieser „Black Friday“, wo Ende November im angloamerikanischen Raum eine Rabattschlacht die Hochphase des Weihnachtskommerz einläutet. Auch ein irischer Billigflieger mischte wie in den Vorjahren mit und versprach 10 Millionen Sitze zum Schleuderpreis anzubieten. Im Dschungel der Verbindungen und Termine pickten Ole, Max und ich uns Flüge für das letzte Februarwochenende von Berlin nach Bukarest und zurück heraus (je 9,99€). Ansonsten gab es viele Schnäppchen leider erwartungsgemäß nur mit Flugzeiten unter der Woche oder zu weniger attraktiven Zielen.

Nun reise ich also endlich mal nach Bukarest. In einer idealen Welt wäre ich bereits am 9.Mai 2012 in Bukarest gewesen, um Hannover 96 im Finale der UEFA Europa League in der Arena Nationala zu sehen, aber in der bitteren Realität hatte der Triumphator Atlético de Madrid unseren Hannoverschen Sportverein bereits zwei Runden zuvor im Viertelfinale ausgeschaltet. Diese Welt ist eben nicht perfekt und daher ging es am Abflugtag auch mitten in der Nacht mit dem PKW nach Berlin-Schönefeld, anstatt von Hannover gemütlich nach dem Frühstück zu fliegen (dank HAJs neuem Nutzer WizzAir wird der nächste Flug nach Bukarest wenigstens zu 96% in Hannover starten).

BERlin bleibt Baustelle
BERlin bleibt Baustelle

Zwei Stunden vor Abflug erreichten wir den in einigen Jahren sicher vollends einsatzbereiten Flughafen BER, wo wir erneut das Parkhaus mit Shuttle zum Nachbarflughafen nutzten (39€ pro Fahrzeug und Woche). Nach der Sicherheitskontrolle blieb noch genug Zeit, um einen Flachmann „Berliner Luft“ zu erwerben. „Hier Männers, wollta ma probier’n? Berliner Luft, juter Stoff!“, sprach der Shopmitarbeiter uns an. „Och na ja, warum nicht?“, entgegneten wir. „Na, schmeckt wa? Könnta ooch koofen, ne.“ „Na gut…“. Anstatt des Schnapses wollten wir anschließend aber lieber mit einem Bier im Terminal D auf den Urlaub anstoßen. Der Shop Relay rief sportliche 4,15€ für die 0,5l-Dose Kindl oder Berliner Pilsener auf, aber zum Glück gab es auch den Souvenir-Shop mit 0,5l-Dosen Eichbaum Pilsener für 1,50€ (Sonderpreis). Und schon war das Bierproblem preisbewusst gelöst.

Nicht grad ein Traum, das Bier von Eichbaum
Nicht grad ein Traum, das Bier von Eichbaum

Der Bukarester Flughafen Otopeni wurde pünktlich nach zwei Stunden Flugzeit erreicht. Mit dem Bus 783 ging es nun für 3,5 Lei (0,77€) in die Innenstadt (Fahrzeit circa 30 Minuten). Heute war erfreulicherweise der erste warme Tag dieses Jahres in der Walachei. Die Gewässer waren zwar teilweise noch gefroren, aber das Thermometer kletterte auf 18 Grad Celsius. Dennoch, schön war das alles am Wegesrand nicht anzusehen und erst im Stadtzentrum wurde die Architektur charmanter. Dafür stellten wir schnell fest, dass Bukarests Innenstadt ein gefährliches Pflaster ist. Max und Ole wurden von Tauben vollgekackt und meine Schadenfreude hielt nur solange, bis ich eine Tretmine der zahlreichen streunenden Hunde erwischte.

Welcome to Bucharest
Welcome to Bucharest

Erstes Ziel nach dem Säubern der Klamotten war die berühmte Bierhalle „Caru‘ cu Bere“. Die Schank- und Speisewirtschaft, die übersetzt Bierkutsche heisst, muss man in Bukarest gesehen haben. Nachdem wir die schwere Holzdrehtür passiert hatten, empfing uns der Maître d’hôtel und fragte nach unserer Reservierung. Hatten wir nicht, doch für zwei Stunden hatte der gute Mann noch einen Tisch im Angebot. Wir durften Platz nehmen in einem echten Kleinod des 19.Jahrhunderts. Marmor, Gold und edle Holzvertäfelungen wecken Assoziationen mit prunkvollen Kathedralkirchen. Das hier war kein Brauhaus mit bierseliger Stimmung, sondern eine der besten Adressen der Stadt.

Caru' cu Bere
Caru‘ cu Bere

Die Preise waren für rumänische Verhältnisse gesalzen und in der Speisekarte standen viele schöne Sachen, die auch auf Englisch übersetzt waren (zum Beispiel die Hausspezialität Riesenhaxe für 19€). Mein Auge fiel allerdings auf den Teil der Karte, der nicht übersetzt war. Dahinter verbargen sich Mittagsmenüs (3-Gänge) für umgerechnet faire 5,70€. Man konnte in jedem Gang eine aus fünf Speisen wählen. Nachteil war natürlich, dass wir nur ungefähr wussten, was wir da bestellten. Immerhin kann man mit Kenntnissen anderer romanischer Sprachen einiges herleiten und an Mut und Neugier hat es uns ja noch nie gemangelt. Ole bekam als Vorspeise Tomatensuppe mit Hackbällchen serviert und ich Bohnensuppe mit Speck. Danach wurde uns beiden ein Teller mit Pommes und Cevapcici gebracht (in Rumänien sind sie eine landesweite Spezialität namens Mici bzw. Mititei), plus separatem Beilagensalat. Und auch beim Dessert stellte sich heraus, dass wir die gleiche Süßspeise ausgewählt hatten, nämlich fette Schokotorte.

Mititei
Mititei

Während das Dessert gegen 14 Uhr serviert wurde, spielte bereits ein Trio mit Geige, Violine und Klavier Walzer-Kompositionen von Johann Strauß und Antonin Dvorak. Mit dieser Musik und in diesem Ambiente, war es eine gelungene Zeitreise in die Belle Époque. Ach, und Max ist natürlich zwischendurch auch nicht verhungert. Der angehende Akademiker hatte sich für den Studenten-Deal entschieden und bekam Cevapcici, Fritten und Bier für ca. 3,50€. Wir dagegen mussten 2,20€ extra für das bei uns nicht inkludierte große schmackhafte Hausbier löhnen. Es war, wie erwähnt, gehobene Preisklasse hier, aber die preiswerten Mittagsmenüs und die Studenten- sowie Seniorenteller zeigten, dass man auch im Kapitalismus ein soziales Restaurant für nahezu alle Bevölkerungsschichten geblieben ist und nicht nur geschlossene Gesellschaft für die Touristen und potente Kunden aus der Bukarester Oberschicht sein will.

Stavropoleos-Kloster
Stavropoleos-Kloster

Sehr satt schauten wir uns auf dem Weg zum Appartement noch ein paar Sehenswürdigkeiten an. Den Auftakt machte dabei die rumänisch-orthodoxe Stavropoleos-Klosterkirche. Wie fast alle Bukarester Sakralbauten ein ziemlich kleines Gotteshaus, dass aber mit schönen Ikonen außen und innen besticht. Weitere sehenswerte Kirchen und Profanbauten am Wegesrand waren nun die Bisereca Sfantul Gheorghe Nou, das Spital Coltea, die Universität, die armenisch-apostolische Kirche und schließlich noch die mit Kolonnaden umsäumte griechisch-orthodoxe Kirche, die bei unserer Unterkunft gleich um die Ecke war. Wir waren im Sektor 2 untergebracht, östlich des Stadtkerns. Das Barrio wirkte für westlich verwöhnte Augen nicht besonders einladend, aber ich denke für Bukarest war das eine solide Mittelklasse-Gegend.

Bisereca Sfantul Gheorghe Nou
Bisereca Sfantul Gheorghe Nou

Das Appartement sah aus wie auf den Bildern (einfach möbliert, aber sauber und technisch gut bestückt) und kostete 70€ für zwei Nächte. Nach dem Bezug shoppten wir im Nahumfeld noch ein paar Lebensmittel (z.B. Ciuc Naturradler) und dann ging es zurück ins Zentrum. Fernziel war der Parlamentspalast und auf dem Weg dahin wurden en passant noch ein paar Sehenswürdigkeiten abgehakt, deren detailierte Aufzählung ich mir aber jetzt erspare. Wir ließen einfach mal den Teil der Innenstadt aus dem 19.Jahrhundert auf uns wirken, der Bukarest den Titel „Paris des Ostens“ eingebracht hatte. Einiges war schön saniert und ließ den Vergleich wirklich zu, viele alte Gebäude waren aber auch in einem maroden Zustand. Und Etliches vom alten Bukarest musste in der 2.Hälfte des 20.Jahrhundert der vermeintlichen Modernitätszugewandtheit des Sozialismus weichen. Schade, doch eine Stadt so schön wie Paris, aber ohne Franzosen, da wären wir jetzt wieder bei der eingangs erwähnten idealen Welt, die es eben nicht gibt. Smilie.

Paris des Ostens?
Paris des Ostens?

Am Parlamentspalast (Palatul Parlamentului) angekommen, waren wir schon recht beeindruckt von den Dimensionen des Bauwerks (365.000m² Nutzfläche auf 65.000m² Grundfläche). Aber es wirkte irgendwie eher bedrückend, als beeindruckend im positiven Sinne, was der Diktator Ceausescu hier als Symbol seiner Macht erbauen ließ. Herrschaftsarchitektur nennt man dieses Subgenre des Neoklassizismus und ich denke das ist ein treffender Begriff. Der allgemeine Nutzen dieses Gebäudes an diesem Ort (auf der höchsten Erhebung von Bukarests Zentrum) ist nicht ersichtlich. Es ist einfach nur dem Größenwahn geschuldeter Protz (vgl. mit Hitlers Germania).

Palatul Parlamentului
Palatul Parlamentului

Tausende historische Gebäude mit zehntausenden Wohnungen wurden für den Palast und die dazu errichteten großzügigen Magistralen abgerissen. Dementsprechend mussten in den 80er Jahren zehntausende Menschen zwangsumgesiedelt werden. Und nebenbei wurde in einem der wirtschaftlich schwächsten Staaten, des eh schon wirtschaftlich schwachen Ostblocks, die Staatskasse endgültig ruiniert. Unter anderem 1.000.000m³ Marmor, 3.500t Kristall und 900.000m³ Edelhölzer klingen hoffentlich nicht zu abstrakt, um sich auszumalen, dass eine kleine Volkswirtschaft mit diesem Bau dem Untergang geweiht war. Und so erlebte Nicolae Ceausescu auch nicht mehr die Fertigstellung seines bitteren Lebenswerks. 1989 wurde er gestürzt und hingerichtet.

Biserica Buna Vestire
Biserica Buna Vestire (aka St.Anton)

Als Kontrast wollten wir nun lieber wieder das sehen, was der Größenwahnsinnige vom alten Bukarest übrig gelassen hatte. Das Ziel war der mittelalterliche Fürstenhof (Curtea Veche). Hier ist mit der Biserica Buna Vestire die älteste Kirche der Stadt zu finden. Sie stammt aus dem 16.Jahrhundert und war die Hofkirche eben jenes Bukarester Fürstenhofes. Neben der mittags bereits bewunderten Stavropoleos-Kirche, vielleicht die schönste Kirche der Stadt. Die ursprüngliche Hofanlage ließ ein gewisser Vlad III., Fürst (Woiwode) der Walachei, im 15.Jahrhundert errichten. Sein Beiname war „Draculea“ und er ist auch bekannt als „Vlad der Pfähler“ und damit möglicherweise Bram Stokers Inspiration für die Romanfigur „Dracula“.

Graf Dracula (quasi)
Graf Dracula (quasi)

Bis auf die erwähnte schöne Kirche standen allerdings nur noch Ruinen vom einstigen Fürstenhof. Besser in Schuss war da schon die benachbarte Karawanserei aus osmanischer Zeit. Als große Gastwirtschaft mit Biergarten im Innenhof,  erfreut sich das „Hanul lui Manuc“ enormer Beliebheit bei den Touristen. Unser Hungergefühl war beim Besuch der Anlage allerdings noch moderat. Wir spazierten lieber noch ein wenig in der Abendsonne durch das Altstadtviertel Lipscani und die namensgebende Leipziger Straße (wo früher Händler aus Leipzig ihre Waren feilboten).

Die Karawanserei
Die Karawanserei

Im Großen und Ganzen hatten wir nun das Meiste gesehen, was einem so ans Herz gelegt wird. Bukarest ist definitiv kein Ort für einen längeren touristischen Aufenthalt, war unser vorläufiges Fazit beim Feierabendbier in der noblen Weinbar „Corks“. Neben hunderten von Weinen aus aller Welt und aller Preisklassen, gab es dort „Stella Artois“ als einziges Bier vom Faß. Also keine Qual der Wahl und dafür volle Konzentration auf die weitere Abendplanung. Die Kneipe „Oktoberfest“, wovon es mindestens drei in Bukarest gibt, wurde uns empfohlen und die war nicht so übel, wie der Name vermuten ließ. Mit einer 2,5l-Biersäule für ungefähr 13€ wurden dort die Festspiele eröffnet und es folgten noch zwei Meter (je acht 0,4l) für circa 12€, was somit vom Literpreis her der bessere Deal war. Die Bedienung fand unsere Leistung sehr respektabel und hätte sich sicher über Meter Nummer 3 gefreut, aber wir wollten dann doch nochmal was anderes sehen. Von dem Trinkgeld wird sie nun möglicherweise bald ihre eigene Bierhalle eröffnen.

Los geht die wilde Fahrt
Los geht die wilde Fahrt

Uns zog es jetzt in die Szenebar „Beer O’Clock“, wo wir eine große Auswahl an Craftbeer vorfanden und ebenso die drei letzten freien Hocker an der Theke im ansonsten ausgebuchten Lokal. Die Wahl fiel hier auf „Crowd Control“ von „Hooligan Hop“ für Max und mich und „Royal Execution“ für Ole aus der selben Braumanufaktur. Beide sehr aggressiv gehopft und somit ein krasser Kontrast zum Lagerbier im „Oktoberfest“. Nach diesen Gaumen-Ausschreitungen hatten Max und Ole nochmal Hunger bekommen, während ich anstatt mit zum Griechen zu schlendern, noch ein letztes Bier im ebenfalls proppevollen „Elephant Pub“ trank. Dort sammelten mich die beiden etwa eine halbe Stunde später wieder ein und dann ging es zu halbwegs humaner Zeit (Mitternacht) mit der Tram und per Pedes zurück ins Appartement.

Biere aus dem Hause Hooligan Hop
Biere aus dem Hause Hooligan Hop

25.02.2017
FC Brasov – Olimpia Satu Mare 1:2
Liga II (II)
Stadionul Tineretului (Att: 700)

Bereits um 5:30 Uhr war die Nachtruhe wieder beendet. Bei unserem gewohnten Tempo in Sachen Sightseeing und nach Berichten von bereits in Bukarest gewesenen Freunden, hatten wir nicht erst seit gestern den Verdacht, dass drei Tage in Rumäniens Kapitale vielleicht zu großzügig geplant sind. Daher wurde für Sonnabend optional noch ein Zug nach Brasov gebucht (deutsch: Kronstadt, mittelalterliche Stadtgründung der Siebenbürger Sachsen). Der InterCity kostete nicht mal 10€ pro Fahrt und war englischsprachig als E-Ticket bei der rumänischen Staatsbahn CFR zu erwerben. Und in Brasov sollte mittags auch noch ein Fußballspiel der 2.Liga zu sehen sein. War also ein guter Plan, auch wenn wir das an diesem Morgen zunächst anders sahen. Mit dem Taxi machten wir uns relativ zerstört auf zum Gara de Nord (Nordbahnhof). Der Taxifahrer dachte wohl auch, wir kämen gerade vom Feiern und brachte uns zum Bahnhofshotel. „Is this your Hotel?“ „Äh, yes. Thank you very much“.

Die nächste wilde Fahrt geht los
Die nächste wilde Fahrt geht los

Im Bahnhof war schon recht buntes Treiben und es gab preiswertes Frühstück beim Bäcker. Pünktlich um 7 Uhr fuhr dann der Zug nach Brasov los. Unsere attraktive Sitznachbarin wirkte ab und an recht amüsiert, wenn wir denn mal die Augen offen hatten, den Nachdurst mit 2,5l-Colaflaschen bekämpften oder über typische Jungs-Themen kommunizierten. Wir haben in unserem jugendlichen Leichtsinn natürlich gedacht, dass ihr rumänischer Roman echt witzig sein muss. Dass sie all unsere Komplimente verstand, stellte sich in Brasov heraus, wo sie uns grinsend „Schöne Ferien noch“ wünschte. Ansonsten war das eine recht zähe Zugfahrt, bei der der Zug mit 30 km/h durch die verschneiten Karpaten tuckerte und entsprechend die planmäßigen 2,75 Stunden für 166 Schienenkilometer benötigte. Reisende mit Snowboards weckten schon in Bukarest einen Verdacht, was uns am Ziel erwarten würde und so war Brasov tatsächlich noch im tiefsten Winter.

Katerfrühstück in Kronstadt
Katerfrühstück in Kronstadt

Vorbei am grau in grau des Sozialismus steuerten wir auf eines der besten Restaurants der Stadt zu. Ob es tatsächlich schon um 10 Uhr geöffnet hatte (Frühstück gab es in der Speisekarte jedenfalls nicht) oder sich nur nicht den potentiellen Reibach entgehen lassen wollte, war unklar, aber auch egal. Gegen halb 11 Uhr wurden uns als einzigen Gästen großartige Grillteller serviert. Zusammen mit handgemachten Fritten, Krautsalat und Tomaten-Senfsauce war das für 10€ ’ne runde Sache als nahrhaftes Frühstück. Danach waren alle Lebensgeister zurück und voll motiviert verließen wir das „Ceasu‘ Rau“ wieder.

Das alte Kronstadt
Das alte Kronstadt

Es sollte nun in die (deutsche) Altstadt gehen, die in diversen Quellen als touristisch brauchbar angepriesen wird. Als das Wetter minimal aufklarte, sahen wir auch plötzlich die relativ hohen Berge an der Stadtgrenze und ebenso den Berg innerhalb der Stadt mit der alten Festung darauf. Die Bergfestung ließen wir aber aufgrund des Wetters aus und konzentrierten uns ganz auf den Altstadtbesuch. War in der Tat ein sehenswerter Stadtkern, bei dem zumindest einem Teil der Bausubstanz jüngst Sanierungsmaßnahmen zugute kamen. Besonders hervorzuheben ist natürlich der Hauptplatz mit dem Alten Rathaus, schönen Bürgerhäusern und der orthodoxen Kirche.

Die Schwarze Kirche
Die Schwarze Kirche

Ein weiteres Highlight war nun die einen Steinwurf entfernte Schwarze Kirche, die das mittelalterliche Kronstadt überragt und als bedeutenster gotischer Kirchenbau in Siebenbürgen gilt. Einen Gang hinein ersparten wir uns allerdings (kostet sogar ein paar Lei), da es seit der Reformation eine protestantische Kirche ist und diese sich eigentlich nie von innen lohnen. Stattdessen wurden noch ein paar Meter im Freien gemacht. So sahen wir noch die schöne Synagoge des Ortes und die schmalste Straße Rumäniens; die nur 111 bis 135cm breite Strada Sforii (Fadengasse).

Die Fadengasse
Die Fadengasse

Mittlerweile hatte sich das Wetter sogar soweit aufgeklart, dass der hollywoodmäßige Brasov-Schriftzug auf dem Karpatengipfel namens Tampa (960m hoch) zu erkennen war. Nach dem Ende des Schneeregens, war das Stadion nun gar nicht mehr so ein übles Ziel. Wäre das Spiel übrigens ausgefallen, hätten wir als Alternative das wunderschöne Schloss Bran per Taxi aufgesucht, welches rund 25 Kilometer von Brasov entfernt als „Dracula-Schloss“ vermarktet wird. Das tun wir nun vielleicht ein anderes Mal. Stattdessen hieß es jetzt Vorhang auf für FC Brasov (Heimatverein von Marius Lacatus und Ioan Viorel Ganea) versus Olimpia Satu Mare (Home of Levente Csik und Sergiu Radu).

Das Alte Rathaus
Das Alte Rathaus

Um kurz nach 12 Uhr durfte uns ein Taxifahrer für rund 2€ zum 3km entfernten Stadion fahren, wo 10 Lei (also auch nur circa 2,20€) für den überdachten Sitzplatz gelöhnt werden mussten (ein unüberdachter hätte 5 Lei gekostet). Der Ordner am Eingang interessierte sich dann sehr für den Inhalt meiner Jackentaschen, doch dafür juckten ihn die Hosentaschen gar nicht, wo die „Berliner Luft“ somit bestens aufgehoben war. Demnach wurde im Block stilsicher auf den neuen Länderpunkt angestoßen, was mangels Bierausschank nur mit den importierten Flachmännern möglich war. Mit der alten Tradition der Länderpunkttaufe darf man einfach nicht brechen. Auch wenn so ein Kurzer nach der letzten Nacht zur Mittagszeit noch eine Qual war.

Stoff für die Länderpunkttaufe
Stoff für die Länderpunkttaufe

Das Stadion hellte unsere Mienen zum Glück wieder auf. Es war eine herrlich abgerockte Ostblockbude mit Rost, abblätterndem Putz und ausgeblichenen Sitzschalen. Hinter einem Tor war eine Kurve, die jedoch gesperrt war und hinter dem anderen Tor war kein Ausbau, aber dafür eine mehrstöckige Bauruine zu sehen. Die Gegengerade, wo sich die treuesten Fans versammelt hatten, war bis auf den Pressebereich am oberen Ende unüberdacht. Hinter ihr war das Karpaten-Panorama ein schöner Blickfang. Die Haupttribüne war an den Seiten ebenfalls unüberdacht, während im Zentrum unsere leidlich überdachten Sitze und der VIP-Bereich zu finden waren. Letzterer wäre auf jeden Fall was für den Holzmichel gewesen. Potente Gäste, die bereit waren 50 Lei zu investieren (11€), wurden von mit Holz verkleideten Ledersesseln erwartet. Inklusive Aschenbechern an den Plätzen, weil der Rumäne an sich, der raucht ja auch ganz gerne.

Stadionul Tineretului
Stadionul Tineretului

Auf der Gegengerade sorgte pünktlich zum Anpfiff die Gruppe hinter dem großen Banner „Steagul Rosu Brasov“ ausdauernd für Stimmung. So hieß der Verein früher, als er 1947 als Club des gleichnamigen Landmaschinenwerks gegründet wurde. Es folgten 70 spannende Jahre Brasover Fußballgeschichte mit einigen Höhepunkten, wie beispielsweise der rumänischen Vizemeisterschaft 1960. In diesem Jahr wurde die Stadt Brasov übrigens auch wieder zu Brasov, nachdem sie zwischenzeitlich 10 Jahre Orasul Stalin hieß (Stalin-Stadt). Ein Jahr später gewann man den internationalen Balkan-Cup, wo man Teams wie Fenerbahce und Levski Sofia in die Schranken wies. Und auch im Messepokal, dem Vorläufer des UEFA-Pokals, sammelte der Club in den 60er Jahren erste Meriten. Eher keine Sternstunde war wahrscheinlich das 0:8 gegen den Hamburger SV in der 2.Runde des UEFA-Pokals 1974/75 in Hamburg. Nach wechselhaften Jahren, in denen man zwischen erster und zweiter Liga pendelte, spielte man zuletzt in der Saison 2001/02 im UEFA-Pokal und schied dort in der 2.Runde gegen den FC Internazionale aus Mailand aus (zweimal 0:3). 2015 stieg man leider insolvent zum achten Mal aus der 1.Liga ab und der direkte Wiederaufstieg scheiterte letzten Sommer in der Relegationsrunde.

Die Haupttribüne
Die Haupttribüne

Den Aufstieg würde man gerne diese Saison nachholen, die Gerichte drohen zur Zeit jedoch den Club endgültig zu liquidieren, da sich einige Gläubiger gegen den Sanierungsplan sträuben. Um so wichtiger war ein Heimsieg gegen einen direkten Konkurrenten hier und heute, denn schafft der aktuell Dritte aus Brasov den Aufstieg (Platz 1 und 2 steigen direkt auf, der Dritte geht in die Relegation), finden sich vielleicht neue Geldgeber. Da man seit Mai 2016 daheim ungeschlagen ist, waren die Voraussetzungen für das heutige Etappenziel gut und das 1:0 in der 12.Minute per Kopf durch den routinierten Verteidiger Ioan Milan hätte der Grundstein für einen optimalen Rückrundenauftakt sein können. Aber bereits in der 20.Minute konnte Olimpias Sturmneuzugang Octavian Ursu (vom Erstligisten ASA Targu Mures) bei seinem Debüt für Olimpia SM ausgleichen.

Blick auf die gesperrte Kurve
Blick auf die gesperrte Kurve

Das Spiel, welches die Hausherren zunächst gut dominierten, drohte nun zu kippen. Doch ein „Wembleytor“ von Ursu in der 24.Minute wurde zum Glück für den FCB nicht gegeben. In der 26.Minute dann der nächste Zittermoment. Ursus Sturmpartner Adrian Voicu, ebenfalls im Winter neu verpflichtet (vom Erstligisten FC Voluntari), tanzt, nach tollem Zuspiel aus dem Mittelfeld, Brasovs Schlussmann aus. Nur anstatt jetzt ins leere Tor einzuschieben, will er es mutmaßlich besonders schön machen, stoppt den Ball nochmal und wird dadurch doch noch von einem Verteidiger eingeholt, der wiederum den verzögerten Torschuss blockt. Da lachte heute sogar erstmals die Sonne an Brasovs Himmel (und über Satu Mares Mannschaft). Die Freude währte dann bis zur 39.Minute, als den Blau-Gelben aus Rumäniens Norden durch den auffälligen Mittelfeldspieler Raul Krausz (er spielte in der 26.Minute auch den Traumpass auf Voicu) doch noch die Führung vor dem Pausenpfiff gelang.

Die Gegengerade
Die Gegengerade

In der zweiten Hälfte erwarteten wir eigentlich weiterhin ein munteres Spiel (beide Teams gefielen im ersten Durchgang mit Offensivspiel und vielen Torchancen), aber es tat sich nun erschreckend wenig auf dem Rasen (a.k.a. Acker) des Tineretului-Stadions zu Brasov. Der in die Jahre gekommene FCB-Toptorjäger Stefan Grigorie (35 Jahre, viel Erstligaerfahrung) hatte noch zwei, drei Halbchancen, aber ansonsten geschah 45 Minuten so gut wie gar nichts. Fast so, als hätte die Wettmafia ihr gewünschtes Ergebnis. Aber sowas ist in Rumäniens 2.Liga natürlich undenkbar, erst recht wenn bei einem der beteiligten Vereine die Gehälter seit Monaten nur schleppend fließen. Kurzum; es blieb beim 1:2, wodurch Olimpia SM auf den 2.Platz klettert und Brasov von 3 auf 5 fällt. Mal schauen, ob der schwarz-gelbe Traditionsverein aus Siebenbürgen die Saison überlebt.

Stadionromantik
Stadionromantik

Nach Abpfiff schnappten wir uns wieder ein Taxi und ließen uns zurück in die Altstadt bringen. Das etwas bessere Wetter sollte nochmal für halbwegs brauchbare Fotos der Sehenswürdigkeiten genutzt werden. Nach einer weiteren Stunde Kultur (auch die rumänische Altstadt namens Scheii, die früher außerhalb der Stadtmauer lag, ist sehr sehenswert), bewegten wir uns zu Fuß langsam wieder Richtung Bahnhof. Dabei wir kehrten am Wegesrand nochmal auf einen Tee in den „Social Pub“ ein. Das Lokal war eher für Brasovs Besserverdiener gedacht und hatte somit aus Deutschland gewohntes Preisniveau (Kaffee, Tee, kleines Bier, Softdrinks etc. rund 2€). Uns waren allein schon die bequemen Clubsessel und die gepflegten sanitären Anlagen den Preisaufschlag wert (im Stadion gab es nur eine Kopie von „The worst toilet in Scotland“). Via Wi-Fi wurden nun die letzten Minuten von 96 gegen Arminia Bielefeld verfolgt. In Deutschland war es ja eine Stunde früher als in Rumänien, so dass der Ball im Niedersachsenstadion noch rollte.

Back to Brasov Downtown
Back to Brasov Downtown

25.02.2017
Dinamo Bucuresti – CS Universitatea Craiova 2:1
Liga I (I)
Arena Nationala (Att: 10.442)

Auf 16:40 Uhr hatte die rumänische Staatsbahn die Abfahrt in Brasov angesetzt und ich genoss nun die Zugfahrt durch die weiß gepuderten Karpaten. Im Gegensatz zum heutigen Morgen hatte ich jetzt Augen dafür und es waren echt schöne Anblicke. Will irgend einer meiner Leser mal nach Brasov, kann ich ihm die Zugvariante nur ans Herz legen. Es ist günstig und man bekommt ein tolles Panorama geboten. Beim Erreichen des Flachlands gegen 18 Uhr ging zunächst die Sonne unter und danach fielen meine Augen nochmal bis Bukarest zu. Auch diese Fahrt endete fahrplangemäß (19:25 Uhr) und somit war noch eine gute Stunde bis zum Anpfiff beim 1.Liga-Topspiel von Dinamo Bukarest gegen CSU Craiova. Leider regierte vor dem Bahnhof die Taxi-Mafia und man weigerte sich mit Taxameter zu fahren. Es wurden Fantasiepreise von 20 Lei aufgerufen, was wir aus Prinzip nicht akzeptieren wollten. Also ging es erstmal zu Fuß los und um die Ecke war ein Fahrer mit 15 Lei immerhin etwas realistischer und wir hatten keinen Bock wegen circa einem Euro etwas vom Spiel zu verpassen.

Nichts los am Dinamo-Stadion
Nichts los am Dinamo-Stadion

Kurz vor 20 Uhr wurden wir am Stadion abgesetzt und sahen, dass das Flutlicht nicht brannte. Hier würde in 30 Minuten definitiv kein Spiel stattfinden. Da hatten die üblichen Quellen, die unisono dieses Stadion als Spielort angaben, versagt. Eine kurze Recherche ergab die Verlegung ins Nationalstadion, also in das Stadion, in dem 96 „beinahe“ mal ein Europapokalfinale gespielt hätte. Der Chauffeur war schon wieder über alle Berge und es wurde das nächstbeste Taxi angehalten. Der freundlich lächelnde Fahrer, bei dem nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch die Ethnie mobil war, hatte überhaupt kein Problem nach Uhr zu fahren und der normale Kilometerpreis von 1,79 Lei stand auf dem Display. Ich hätte mich jetzt tierisch gefreut die blöden Vorurteile von Bekannten zu widerlegen („Steigt in Bukarest auf keinen Fall bei Zigeunern ins Taxi. Die ziehen euch gnadenlos über den Tisch!“), aber der Kutscher hatte sein Taxameter herrlich frisiert. Er war auch der erste Taxifahrer in Rumänien, der uns ein Gespräch aufzwang. In einer Tour redete er in Deutsch-Englisch-Rumänisch-Kauderwelsch über seinen Pleiteclub Rapid Bukarest, seine Sportwettenleidenschaft und Bayern München. Das sollte wohl davon ablenken, dass die Uhr nach drei Kilometern bereits über 20 Lei anzeigte. Ich war echt nicht angetan davon dem Vogel mit insgesamt 30 Lei seine Wettsucht zu finanzieren, aber in 13 Minuten und 12 Sekunden war Anpfiff und 2,20€ pro Person machten uns nicht arm.

Billet-Beschaffung war zum Glück noch problemlos machbar
Billet-Beschaffung war zum Glück noch problemlos machbar

Da der Fahrer der Polzei nicht zu nahe kommen wollte (warum bloß?), mussten wir noch ein paar Hundert Meter zum Stadioneingang laufen. Als Journalisten waren wir dort wenigstens nicht auf seine „Kollegen“ vor den Kassenhäuschen angewiesen. Deren Schwarzmarkt-Tickets wären ansonsten ’ne überteuerte oder riskante Option gewesen (eventuell gefälschte Tickets), um damit die sehr langen Schlangen am Kassenhäuschen zu umgehen und pünktlich zum Anpfiff drin zu sein. So ging es an allen vorbei zum Fenster mit den reservierten Tickets und drei Ehrenkarten wurden fix für die deutschen Pressevertreter gedruckt. Die Entschuldigung vom Vereinsmitarbeiter dafür, dass er kurzfristig keine Akkreditierungen für den Pressebereich drucken kann und wir daher mit Ehrenkarten vorliebnehmen müssen, wurde natürlich akzeptiert.

Choreo von Dinamo
Choreo von Dinamo

Während Ole nun schnurstracks zum VIP-Bereich durchmarschierte, für den wir unsere Tickets wähnten, wurde bei Max und mir genauer drauf geguckt. Man wies uns leider zu unseren regulären Sitzplätzen auf der Gegengerade. Hat sich Dinamo also doch etwas lumpen lassen bei der Güteklasse der Freikarten. Nun mussten Max und ich nochmal 180 Grad um das Stadion, ehe auch wir den Zwillingsbruder des (neuen) Frankfurter Waldstadions von innen begutachten konnten. Und die Bude (Bauzeit 2008-11) war besser gefüllt als erwartet. Im ausverkauften Unterrang der Hintertortribüne hatte Dinamos Fanszene eine schöne Choreografie vorbereitet. Auf der anderen Hintertortribüne waren ein paar Hundert Gästefans aus Craiova anwesend und der Unterrang unserer Tribüne war auch gut gefüllt. Dazu noch ein bißchen Publikum auf der Haupttribüne ergab in Summe über 10.000 Zuschauer in der Arena. Weil Dinamo im Schnitt weniger als 5.000 zahlende Zuschauer pro Heimspiel begrüßt, war das heute eine außerordentlich gute Zuschauerresonanz.

Looks like Waldstadion
Looks like Waldstadion

Bereits in der 5.Minute durfte die überwältigende Mehrheit im Stadion jubeln. Der Slowake Adam Nemec, vielen sicher noch von seinen Gastspielen in Aue, Lautern und bei Union Berlin bekannt, erzielte das 1:0 für den rumänischen Vizerekordmeister (18x rumänischer Meister, Steaua Bukarest hat allerdings 26 Meistertitel errungen). Ein paar Kanonenschläge würdigten den Treffer von Fanseite und der Rekordvizemeister (20x Vizemeister, Steaua nur 14x) nutzte den Schwung der frühen Führung und den Rückenwind der anpeitschenden Fankurve. Schon in der 14.Minute baute abermals Nemec den Vorsprung auf 2:0 aus. Es knallte wieder vorm Dinamo-Fanblock und die anfangs auch gut aufgelegten Ultras im Gästesektor waren jetzt vorerst bedient.

Die Dinamo-Kurve
Die Dinamo-Kurve

Bei Dinamo dagegen erlebten wir echt eine sehr gute Kurve. Erinnerte stark an italienische Fankurven in der guten alten Zeit. Und sportlich ging es ja auch um was. Es war der vorletzte Spieltag des regulären Ligabetriebs und beide Vereine wollten unbedingt die Meisterrunde erreichen. Dort spielen die Top 6 der 14er-Liga am Ende in einer 6er-Liga mit Hin- und Rückspiel (und halbierten Punkten der bisherigen Saison) den Meister und die weiteren drei Europapokalteilnehmer aus (Rumänien ist übrigens aktuell 17. der UEFA-Fünfjahreswertung). Dinamo ging als Sechster mit 35 Punkten ins Spiel und CSU Craiova als Dritter mit 40 Punkten. Folglich hätte der aktuelle Siebte und Vorjahresmeister Astra Giurgui mit seinen 35 Punkten (und einem Spiel weniger) beiden noch gefährlich werden können. Besonders für den heutigen Gastgeber, der 1948 als Fußballclub des Innenministeriums gegründet wurde, war ein 3er ganz wichtig und das merkte man Team und Fans an. Am liebsten hätte Dinamo schnell das dritte Tor nachgelegt, aber die CS Universitatea kam langsam besser ins Spiel und besonders in der 28.Minute wurde es richtig brenzlig im Dinamo-Strafraum. Binnen 60 Sekunden traf der Gast aus Craiova dreimal (!!!) das Aluminium.

Christoph Daum will heut' auch Fussball schau'n
Christoph Daum will heut‘ auch Fussball schau’n

Mit 2:0, aber dem Gefühl, dass es hier noch spannend bleibt, ging es in die Pause. Zeit das Catering zu prüfen. Wie schon in Brasov war Popcorn der Verkaufsschlager und außerdem gab es Hot Dogs und Softdrinks. Bei dem Angebot saßen die Lei bei uns nicht locker und Ole hatte derweil Selfie-Time mit Christoph Daum, dem aktuellen Nationaltrainer Rumäniens. Der Hausbesitzer aus dem Kölner Hahnwald soll in etwa so sympathisch sein wie Mirko Slomka ohne laufende Kameras. Aber gut, beide Trainer haben den Zenit ihrer Karriere bereits überschritten und vielleicht sind sie sich dessen auch bewusst. Das drückt auf’s Gemüt. Und dann noch ein Selfie mit Ole? Das könnte der neue Tiefpunkt im Leben des Christoph D. gewesen sein.

10 Jahre Ultras DNL
10 Jahre Ultras DNL

Die zweiten 45 Minuten läutete eine weitere kleine Fanaktion ein. Die Ultras DNL (Dinamo Nostrum Lux) feierten heute ihren 10.Geburtstag und hatten dafür ein paar spezielle Doppelhalter gemalt. Jetzt realisierte ich auch, dass die Choreo zu Spielbeginn ihnen zuzurechnen war. Auf dem Grün ging es ebenfalls gut weiter. Die CSU aus Craiova (nicht zu verwechseln mit der aus Bavaria!) hätte mit einem Sieg das Ticket für die Meisterrunde vorzeitig gelöst (und weitere 1,5 Punkte dafür gesammelt). Dementsprechend bemühten sie sich nochmal das Heft in die Hand zu nehmen. Erste Angriffe versandeten, doch in der 72.Minute bekamen sie einen schmeichelhaften Strafstoß zugesprochen (der Brasilianer Gustavo Di Mauro fiel all zu leicht bei sanftem Kontakt). Andrei Ivan schoss nun einen unfassbar schlechten Strafstoß, den Dinamos panamanesischer Keeper Penedo wahrscheinlich sogar hätte fangen können. Doch stattdessen ließ er das Schüsschen abklatschen und Di Mauro schob als Abstauber im Nachschuss ein. Unser Sitznachbar war nun so wütend, dass er seine Sitzschale zertrümmerte. Wie würde er wohl bei einem Ausgleich oder gar einer Niederlage in der letzten Minute reagieren? Wir können nur spekulieren, da die Zeitspiel-Könige von Bukarest den Vorsprung ins Ziel retten konnten.

Endstand 2:1
Endstand 2:1

Nach Abpfiff vereinigten wir uns mit Ole wieder am Kassenhäuschen und konnten dem betrügenden Taxifahrer doch noch etwas Positives abgewinnen. Er hatte uns ja weit abseits vom Haupteingang rausgelassen und da fiel uns vor zwei Stunden durch auf die Straße ziehendes Holzkohle-Aroma das Restaurant „Damascus Palace“ positiv auf. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit war es doch eigentlich ganz gut, schon hier im Stadionumfeld zu dinieren. Und der Palast konnte einiges! Mixed Grill mit Lammspieß, Lammhackspieß, Hähnchenbrustspieß, Hähnchenunterschenkeln, Grillgemüse, Brot, Salat, Pommes, Reis und Sauce kostete gerade mal 35 Lei (also 8€). Und es gab gratis Mixed Pickles vorweg und ein süßes Dessert (Grieß mit Granatapfelsauce) hinterher. Daher kostete der Gaumenschmaus zusammen mit einem halben Liter Pepsi gerade mal 9€. Außerhalb des Stadtzentrums hat Bukarest also doch das erwartete Preisniveau. Dafür sparten wir nicht beim Trinkgeld und echte Freude war der Dank.

Orientalisches Abendessen
Orientalisches Abendessen

Statt für ein Taxi entschieden wir uns nach dem Dinner wohl genährt für einen 3,5km langen Verdauungspaziergang zum Appartement. Die Gegend, die dabei durchquert wurde, war teilweise wieder wenig einladend. Dafür gab es diverse Lokale mit Bierpreisen von 4 Lei (macht einen Literpreis von 2,20€). Also wie schon im „Damascus Palace“ das Sparparadies Osteuropa, wie wir es kennen und schätzen. Nach zwei kurzen Nächten in Folge war aber nichts verlockender als das Bett und somit ging nichts mehr in Sachen Feierei.

Morgendlicher Blick aus dem Fenster (das Gelbe in der Bildmitte ist ein Herd)
Morgendlicher Blick aus dem Fenster (das Gelbe in der Bildmitte ist ein Herd/Backofen)

Dadurch waren wir an einem sonnigen Sonntagvormittag wieder voller Tatendrang. Nochmal gut Essen gehen, sowie zwei, drei noch fehlende Highlights von Bukarest, sollten den Tag bis zum abendlichen Abflug füllen. Nach dem Check-Out ging es abermals zum Bierpalast „Caru‘ cu bere“ und dort wurde ordentlich für 15 Lei (ca. 3,50€) gefrühstückt. Das „Handwerkerfrühstück“ bestand aus Omelette (oder wahlweise Spiegelei), Schinken, Käse (Cascaval), Baguette, Butter, Tomaten, Oliven und einem Heißgetränk. Mit der guten Grundlage im Magen spazierten wir nochmals zum beeindruckenden und erschreckenden Parlamentspalast und von dort die „Prachtallee“ (einstige „Straße des Sieges des Sozialismus“) runter zum Vereinigungsplatz (Piata Unirii). Dieser Teil Bukarests hatte echt Pjöngjang-Style. Aber gut, der einst in Rumänien und auch im Westen geschätzte Diktator Ceausescu wurde ja auch nach einem Nordkoreabesuch zu dem Tyrannen, an den wir uns in erster Linie erinnern.

Frühstück im Caru' cu Bere
Frühstück im Caru‘ cu Bere

Von Nordkorea hatte Ceausescu den ins völlig Absurde abgeglittenen Führerkult um Kim Il Sung adaptiert und ebenso architektonische Inspiration für die Umgestaltung seiner Hauptstadt gewonnen. Daher wurde am heutigen Vereinigungsplatz auch das Herz der Alstadt (das Basarviertel) dem Erdboden gleich gemacht und durch brutalistische Plattenbauten ersetzt. Aber in den schönen Jahreszeiten, wenn der Park blüht und die Brunnen Wasser führen, soll das hier dennoch ein beliebter Ort der Bukarester Bevölkerung sein. Vielleicht erlebe ich das Erbe des Sozialismus ja auch nochmal irgendwann im Frühling oder Sommer. Und auch heute war hier dank der milden Temperaturen schon einiges los. So lungerte neben uns zum Beispiel ein halbes Dutzend maximal 12jährige Mädchen, die sich in der Mittagssonne ein paar Kannen Cider reinschraubten. Immerhin waren sie landesuntypisch nicht am Tabak rauchen.

Piata Unirii
Piata Unirii

Wir wandelten dann noch ein wenig weiter durch diese Stadt der Kontraste. Von der Proteststimmung, die vor wenigen Wochen zehntausende Rumänen gegen die korruptionsfreundliche Politik der Regierung auf die Straße trieb, war nichts mehr zu spüren. Anfang Februar dachten wir noch, wir werden Zeugen unruhiger Zeiten, denn immerhin waren es die größten Proteste seit dem Sturz Ceausescus ’89. Doch die rumänische Zivilgesellschaft schien mit ihrem Erfolg, nämlich der Rücknahme bzw. Nichtannahme des umstrittenen neuen Korruptionsgesetzes, weitgehend befriedigt zu sein (Korruption im Amt sollte im Entwurf erst ab umgerechnet 45.000€ Schadenssumme strafbar sein). Grundsätzlich schienen die meisten Demonstranten das demokratische Votum für die erst im vergangenen Jahr gewählte Regierung zu respektieren, nur in diesem besonderen Fall waren sie nicht bereit die Politik des Kabinetts zu hinzunehmen.

Die Rumänen sind stolz auf ihren römischen Ursprung
Die Rumänen sind stolz auf ihren römischen Ursprung

Korruption war und ist ein großes Problem in Rumänien. Korruption war der Kapitalismus des Sozialismus und ist daher in den postkommunistischen Staaten tief verankert. Jedoch ist Rumänien aus meiner Sicht da wirklich bemüht etwas zu tun und wahrscheinlich auf einem besseren Weg als einige andere Staaten der Region. Das neue Gesetz wäre ein Rückschritt gewesen und hätte viele korrupte Funktionsträger vor Strafe geschützt. Denn so mancher prominenter Rumäne sitzt oder saß bereits wegen Korruption im Gefängnis. Vom Regionalbeamten bis hin zum ehemaligen Premierminister erwischte es schon Staatsbedienstete und auch der Ex-96er Gheorghe Popescu wurde 2014 wurde als Fußballfunktionär zu über drei Jahren Haft verurteilt, weil er bei Transfers Schmiergeld in Millionenhöhe kassiert hat. Lediglich unsere rumänische Lieblingspolitikin Elena Udrea saß zur Zeit unschuldig im Knast, da waren wir uns ganz sicher und überlegten sie als „Comando libera E.U.“ zu befreien. Smilie.

Das eigentliche Stadion von Dinamo
Das eigentliche Stadion von Dinamo

Das richtungslose Flanieren bekam am Nachmittag doch noch ein Ziel, nämlich das gestern bereits im Dunkeln besuchte Dinamo-Stadion. Wirklich gerne hätten wir dort ein Spiel gesehen, denn es war eine klassische Ostblockschüssel, an der der Zahn der Zeit ordentlich genagt hatte. Wegen solchen Stadien gehe ich auf Reisen zum Fußball. Arenen wie das gestrige Nationalstadion kann ich auch in Deutschland jedes Wochenende besuchen. Wirklichen Charme versprühen für mich nur die aus Beton gegossenen Zeitzeugen längst vergangener Fußballschlachten, wie das Dinamo-Stadion in Bukarest. Muss ich also tatsächlich nochmal hierher wiederkommen.

Mixed Grill im Trafalgar
Mixed Grill im Trafalgar

Ihr ahnt es, das ganze Sightseeing hatte natürlich erneut hungrig gemacht. Zeit für eine Pause im Pub. Unweit des Stadions war der „Trafalgar Pub“ zu finden, den wir eigentlich auch gestern für Biere nach dem Spiel auserkoren hatten, hätte es denn im Dinamo-Stadion stattgefunden. Im Lokal stellte ich als erstes fest, dass „Ciuc Pilsener“ definitiv nicht so mundete wie „Ciuc Naturradler“. Mit dem Radler hatten wir an den Vortagen gute geschmackliche Erfahrungen gemacht, aber das Pils hatte im Antrunk so ein bisschen Essiggeschmack. Tadellos waren dagegen die Fleischplatten, die für 45 Lei (10€) gereicht wurden. Handgeschnitzte Fritten, frittierte Zwiebelringe, eine gegrillte Tomate und ein gegrillter Champignon ergänzten ein Hackfleischröllchen, einen Krainer, ein Schweinerückensteak, ein Rinderfiletsteak und ein Putenbruststeak vortrefflich. Der Holzmichel hätte auch in Rumänien seine kulinarische Freude gehabt, da bin ich mir sicher.

Arcul de Triumf
Arcul de Triumf

Nach dem vorzüglichen Essen im Pub war das nächste (und prinzipiell letzte) Etappenziel auf dem Weg zum Flughafen der Triumphbogen von Bukarest. Dieses Monument hatten die Rumänen als Siegernation des 1.Weltkriegs errichtet und sowohl durch die Optik, als auch die sternförmig zulaufenden Straßen, erinnert dieser Teil Bukarests wahrlich nochmal an Paris. Angrenzend spazierten wir durch einen großzügigen Park, dessen Wege gesäumt von Büsten großer Rumänen waren. Ich gestehe, ich kannte nicht jeden davon. Außerdem gab es dort das separat umzäunte rumänische Dorfmuseum mit etlichen Häusern aus allen Epochen und Landesteilen. Dem äußeren Eindruck nach wäre das auf jeden Fall einen Besuch wert gewesen, aber es schloß leider schon um 17 Uhr seine Pforten. Wir stiegen daher am Triumphbogen in den nächsten 783er-Bus zum Flughafen und kamen nun an dem bereits im Hintergrund des Parks erspähten monumentalen Pressepalast vorbei. Noch so ein Tempel des sozialistischen Neoklassizismus, Ein Baustil, den man in Deutschland auch als „Zuckerbäckerstil“ kennt. Das heutige „Haus der freien Presse“ (Casa Presei Libere) sah aus wie ein Zwilling des Warschauer Kulturpalastes oder des Hauptgebäudes der Lomonossow-Universität in Moskau.

See im Parcul Herastrau (mit dem Pressepalast im Hintergrund)
See im Parcul Herastrau (mit dem Haus der freien Presse im Hintergrund)

Nachdem diverse überschüssige Lei noch in frischgepressten O-Saft und Eiscreme investiert wurden, hob die Boeing 737-800 auch schon ab und nach pünktlicher Landung in Schönefeld erwarteten vier penible Bundespolizisten 200 Reisende. Die automatische Grenzkontrolle für moderne Reisedokumente war dicht und so zog sich das Procedere arg hin. Dadurch verpassten wir knapp den Shuttlebus um 21:45 Uhr und konnten erst 22:15 Uhr zum Parkhaus transferiert werden. Danke Merkel!!! Getreu dem Motto, Tempolimits sind nur was für Leute, die zu viele Taschentücher vollheulen, ging es rasant westwärts. Aus den Boxen forderte Robert Stadlober derweil als Dynamo 5 Frontmann „Gimme a ticket for an aeroplane“. Eine Forderung, der wir uns anschlossen und schon mal die nächsten Touren planten. Inspiration lieferten dafür die Soundtracks der Filme „Eurotrip“, „New Kids“ und „The Business“. Ja, es war Soundtrack-Nacht. Mal sehen, ob es also demnächst nach Amsterdam, Bratislava, Maaskantje oder an die Costa del Sol geht. Weil, es muss ja weitergehen!

Flughafen Otopeni
Flughafen Otopeni
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