Portugal 06/2017

09.06.2017
Gibraltar – Zypern 1:2
FIFA World Cup Qualifier (UEFA)
Estadio do Algarve (Att: 488)

Am 7.Juni sollte meine zuerst gebuchte, aber letztlich doch zweite Reise zu meinem Bruder und seiner Freundin nach Portugal starten. Die beiden Erasmus-Studenten waren bekanntlich seit dem 22.Februar in der kleinen Provinzstadt Beja am Studieren (ca. 180km südöstlich von Lissabon) und ich hatte noch am Tag ihrer Abreise meine Flüge für die Woche nach Pfingsten gebucht. Es ging mit Ryanair von Hamburg nach Lissabon und mit Tuifly am 11.Juni von Faro (150km südlich von Beja) nach Hannover, zusammen für 120€. Den Transfer von Hannover nach Hamburg realisierte ich mittels BahnCard für 14,25€.

Hamburger Rathaus

Eine frühe Abfahrtszeit in Hannover zwang mich die Reise kurz vor 7 Uhr mit einem Pendlerzug zu starten. Immer wieder schön morgens in die glücklichen Gesichter der deutschen Werktätigen zu gucken. Im ICE wurde dann entspannt mein Reisebericht aus Schwerin und Swinemünde getippt, sowie das Busticket von Lissabon nach Beja online gekauft (13,30€). In Hamburg entschied ich mich mein üppiges Zeitfenster zuvorderst für einen Spaziergang zu nutzen, da sich meine Flugzeit um zwei Stunden nach hinten geschoben hatte. Der Masse folgend ging es zunächst einmal die Mönckebergstraße runter zum Rathaus. Dort und am angrenzenden Jungfernstieg ist wohl Hamburgs exklusivste Einkaufslage auszumachen und die Luxuslabels residieren in der Regel in sehenswerten Bauwerken.

Bäckerbreitegang

Danach setzte ich den Rundgang über den Gänsemarkt ins Gängeviertel, bzw. das was davon noch übrig ist, fort. Im Bäckerbreitergang (Häuser Nr. 49 bis 58) ist die alte Bausubstanz des früheren Armenviertels noch erhalten. Der Rest musste im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert zeitgemäßem Wohnraum weichen. In den Straßen Breiter Gang und Radermachergang schaute ich mir jüngere Exemplare dieser Neubauten genauer an. Hier wurde zwischen 1933 und 1937 nationalsozialistischer Wohnungsbau von mehreren Genossenschaften betrieben. Die Backsteinhäuser sollten sich möglichst harmonisch ins Stadtbild einfügen und es blieb den Architekten Raum für historisierende Erker und Giebel. Kann man aber auch weniger freundlich Nazi-Kitsch nennen.

Alternative Lebenswelt im Gängeviertel

Hier war nun auch ein mit Zechern davor und darin gesegneter Penny-Markt (wo ich mir ein Milchmischgetränk gönnte) und mit dem „Gräbe’s“ eine gute Arbeiterpinte. Da floss das Bier schon morgens um 10 Uhr, aber ich interessierte mich nicht für ein schnelles Helles in der Gegenwart, sondern für Hamburgs bewegte Vergangenheit. Über eine Hinweistafel erfuhr ich, dass hier um die Ecke während des 30jährigen Krieges Hamburgs erster jüdischer Friedhof entstand (am Markusplatz). Ebenso war in diesem Viertel die so genannte Judenbörse. Als Juden untersagt war Ladengeschäfte zu führen, entstand hier (heutige Neanderstraße) um 1800 ein täglicher großer Freiluftmarkt. Der soll sehr beliebt gewesen sein, so dass dort auch viele Nichtjuden Waren verhökerten und der Markt vor allem noch lange weiterbestand, als Mitte des 19.Jahrhunderts Juden reguläre Geschäfte eröffnen und betreiben durften.

Hofseite der Peterstraße

Weiter ging der Spaziergang nun in die Peterstraße, auch Komponistenquartier genannt und Heimat des Hamburger Brahms-Museums. In den 1960er hatte der Hamburger Mäzen Alfred Toepfer dort verschwundene historische Bürger- und Kaufmannshäuser aus dem 17. und 18.Jahrhundert rekonstruieren lassen. Im historischen Kontext wollen diese Gebäude zwar nicht so recht in die Neustadt passen (keins davon stand früher in dem ärmlichen Viertel), aber sie vermitteln doch einen schönen Eindruck von Alt-Hamburg. Das tut übrigens auch die Krameramtsgasse im Schatten des Hamburger Michels. Hier handelt es sich wirklich noch um althamburgische Bausubstanz. Wer Hamburgs Hauptkirche St.Michaelis besucht oder zum Beipiel mal Labskaus im „Old Commercial Room“ speist, sollte unbedingt um die Ecke einen Blick in den Hof der Krameramtsstuben (Krayenkamp 10) wagen. Die Hamburger Zunft der Kaufleute hatte hier im 17.Jahrhundert Witwenwohnungen errichtet und es handelt sich um die letzte geschlossene historische Hofbebauung der Stadt.

Der Hamburger Michel

Mich zog es von dort über das Rathaus wieder zurück zum Hauptbahnhof. Am Ende hatte ich einen 10km-Spaziergang zusammen bekommen und konnte guten Gewissens noch den Mittagstisch bei „Schweinske“ verputzen. Es gab ein Schnitzel mit Broccoli, Kroketten und Rahmsauce für 6,95€ (erster Schweinske-Besuch meines Lebens, Urteil: mittelmäßig). Nachfolgend fuhr ich mit der S1 zum Flughafen und tauchte just in time beim Boarding auf. Da die Maschine wirklich restlos ausgebucht war, hatte ich tatsächlich mal wieder Sitznachbarn. Immerhin landete der Vogel on time, so dass ich mir um meinen Anschluss keine Sorgen machen musst und pünktlich zum Abendessen in Beja war.

Frankreichs Ile-de-Re wurde überflogen

Mein Bruder, seine Freundin Xenia und ihre Freundin Gina holten mich vom Busbahnhof ab und es gab Steaks vom Porco Preto (dem iberischen schwarzen Schwein) im sehr guten Restaurant „Pulo do Lobo“. Es war wirklich ein Hochgenuss! Natürlich flossen noch ein paar eiskalte Biere bei 36 Grad Celsius in meinen Körper und ich stellte fest, dass zumindest in diesem Restaurant wie in Köln die leeren Biere unaufgefordert durch Volle ersetzt werden. Da wir nicht wussten wie man den portugiesischen „Köbes“ stoppen kann, bestellten wir einfach irgendwann einen Espresso und die leeren Biergläser wurden nun ersatzlos abgeräumt.

Grillsteaks vom Porco Preto

Über Beja habe ich in meinem letzten Portugal-Reisebericht ja wirklich genug erzählt und im Prinzip hatte ich damals auch alles Relevante der Stadt gesehen. Doch da Gina nach 12 Tagen schönstem Portugal-Urlaub wieder ins derzeit mäßig sonnige Deutschland zurückkehren musste, packten wir eine gute Gelegenheit beim Schopfe. Sie musste nach Lissabon, also fuhren wir sie dahin und verbanden das mit einem kleinen Ausflug. Im Nachgang des gemeinsamen Frühstücks mit gebratener Alheira* und Spiegeleiern holten der Ziii und ich mittels eines 45minütigen Marsches bei brütender Hitze den Mietwagen in Bejas Industriegebiet ab (doch noch was Neues von der Stadt gesehen ;-)).

Back in Beja

Über Europas längste Brücke, die Ponte Vasco da Gama (17.185m), steuerten wir zunächst Lissabons Flughafen an und nach erfolgreichem Taxi-Dienst ging es weiter nach Sintra. In der romantischen Stadt ca. 20km westlich von Lissabon merkten wir jedoch schnell, dass hier ein ganzer Tag notwendig wäre, um wirklich alles zu sehen. Wir haben die Weitläufigkeit des Areals mit zahlreichen Palästen, Gärten und der Ruine eines Maurenkastells total unterschätzt und beschlossen keine halben Sachen zu machen oder uns da stressig abzuhetzen. Außerdem war der Ort auch mächtig überlaufen in der Sommersaison, was ich ja irgendwie hätte ahnen können.

Sintra

Dementsprechend gönnten wir uns lediglich einen Rundgang durch den eigentlichen Ort (der im Grunde genommen schon lohnt), sowie durch an den Ortskern angrenzende Gärten. Im Zentrum ist auch der Palácio Nacional de Sintra zu finden, der besonders durch die markanten Schornsteine der Palastküche auffällt. Vom 14.bis ins 20.Jahrhundert war hier die Sommerresidenz von Portugals Königshaus. Im Vergleich zum benachbarten Märchenschloss Palácio Nacional de la Pena (aus dem 19.Jahrhundert) vielleicht nicht äußerlich Sintras Palast Nr.1, jedoch auch einen Blick wert. Besonders das Innere mit seinen zahlreichen Azulejos (bemalte Wandfliesen) und seinen reich verzierten Holzdecken soll ein Muss sein, aber die Schlange der Touristen war uns heute zu lang.

Nationalpalast in Sintra

Mit der Gewissheit im Gepäck, sowieso nochmal für eine ausgiebige Inspektion aller Paläste wiederzukommen, fuhren wir schneller als gedacht weiter zu Europas westlichstem Punkt. Das stürmische Cabo de Roca wurde zusammen mit diversen Reisebussen über kurvige Bergstraßen erreicht. Das Plateau des Kapfelsens erinnerte irgendwie an die Spitze des heimatlichen Brocken. Und deutsch wurde hier natürlich auch gesprochen (von zahlreichen Funktionskleidungsträgern). Die Leute, die wirklich so aussahen, als wären sie zum Bergsteigen hier, ereiferten sich mächtig über leichtfertige Touristen und Einheimische, die einen Trampelpfad hinter der Absperrung (die steht da nicht ohne Grund!) auf den Klippen langspazierten. Zitat der empörten Kopfschüttler: „Hier denkt wohl jeder, er kann machen was er will. Und da hinten, die beiden Polizisten, schauen auch nur zu!“

Leuchtturm am Cabo da Roca

Natürlich riskierten auch wir unser Leben für schöne Ausblicke und Fotos. Ich bin ja eher ein Freund von rauen Küsten, denn von tropischen Sandstränden und kam daher voll auf meine Kosten. Wären hier nicht gerade so viele Deutsche und Ostasiaten gewesen, wäre das ein ungetrübter Naturgenuss geworden. Aber ich bin sicher, hier in der Gegend gibt es etliche einsame Klippen, die wirklich zum Abschalten und Genießen einladen. Vielleicht bekomme ich mal Gelegenheit sie zu erkunden.

Festland-Europas westlichster Punkt

Da am Kap gastronomisch natürlich Preise jenseits von gut und böse aufgerufen wurden, hielten wir kurz nach Beginn der Rückfahrt nochmal in einem kleinen Ort für ein sehr spätes Mittagessen. Auf dem Balkon der Bar „Colheita 71“ gönnte ich mir in der Abendsonne ein Steak in Biersauce. Dazu hausgemachte frisch frittierte Kartoffelchips, Salat, Brot und Oliven (in Summe 10€). Und ganz wichtig: viel Zucker via Sumol Ananas. Der Körper brauchte Energie, welche wiederum in Beja nach 2,5 Stunden Rückfahrt für einen abendlichen Gang in die Fußgängerzone genutzt wurde. Nach diversen eiskalten Sagres in der kleinen Zecherkneipe „O Aperitivo“ ging es letztlich um Mitternacht ins Bett.

Steak in Biersauce

Durch Ginas Abreise hatte ich nun das Gästezimmer unter’m Dach und wollte der Hitze mit offener Dachterrassentür begegnen. Das sorgte anfangs dafür, dass ich mehr als gewünscht vom lokalen Heavy Metal Festival mit Größen wie „Exodus“ und „Krisiun“ mitbekam. Als ich dann eingeschlafen war, wachte ich plötzlich wieder auf, weil etwas in meinem Bett war. Etwas, dass sich bewegte. Also Licht an und den Schmusekater Pablo der Nachbarn entdeckt. Das hyperaktive Tier machte zunächst keine Anstalten zu gehen und musste spielerisch zurück auf die Terrasse gelockt werden. Danach konnte ich trotz des klopfenden und miauenden Vertreters der Gattung Felis wirklich schlafen. Ich hab da eindeutig das dickere Fell.

Der nächtliche Besucher

Am Folgetag aßen wir nach den Uni-Verpflichtungen von Ziii und Xeniii als spätes Frühstück Tosta Mista im „Café Fofocas“. Gut gestärkt konnte es nun Mautstraßen ignorierend an die Algarve gehen. Via Airbnb hatten wir eine strategisch günstige Wohnung zwischen Flughafen und Stadion gemietet. Hausherr Ricardo verlangte inklusive aller Gebühren 108€ für zwei Nächte und das Haus (im Prinzip hatten wir eine Reihenhaushälfte) hatte alles an gewohnter Ausstattung, sowie eine schöne Terrasse. Theoretisch hätte man hier zu sechst hausen können und wenn die Wohngegend nicht etwas unseriös gewirkt hätte, würde ich es uneingeschränkt weiterempfehlen.

Tosta Mista

Bevor heute der Fußballsport seinen Raum bekam, entschlossen wir uns zunächst die Mall „Forum Algarve“ aufzusuchen. Die war am Stadtrand von Faro und bot dem konsumfreudigen Touristen zahlreiche Modegeschäfte. Schnäppchen waren jedoch keine zu machen (Sporting-Trikots auch nach Saisonende immer noch 79,95€) und der Konsum wurde auf einen Frozen Joghurt beschränkt. Danach kauften wir Wasser und Wassermelonen im Jumbo-Supermarkt (das lebensnotwendige Bier war bereits morgens in Beja erworben worden, falls sich jetzt jemand wundert) und fuhren schließlich die paar Kilometer weiter zum Estádio do Algarve.

Frozen Joghurt mit Keksbröseln

Denn ab 19:45 Uhr Ortszeit musste die Frage aller Fragen geklärt werden: Wer ist Europas beste Fußballnationalmannschaft? Gibraltar oder Zypern? Und das auch noch in einem Pflichtspiel, wo keine Auswahl seine Stars schonen wird. Es war zwar nur die WM-Qualifikation, doch für mich war es eine Art vorgezogenes WM-Finale. Unbegreiflich daher, dass gerade mal 488 Zuschauer diesen Straßenfeger live im Stadion schauen wollten. Geschätzt 90% davon waren die 400km vom britischen Affenfelsen angereist und mein Bruder im Gibraltar-Jersey und ich im „Brits-Abroad-Outfit“ fielen da auch nicht weiter auf. Eintritt wurde übrigens keiner erhoben und so wunderte ich mich jetzt ironiefrei, dass nicht mehr als ein Dutzend Locals den Weg ins Stadion fanden. Im Fernsehen gucken die sich jeden Scheiss an (ich würde den wöchentlichen Fußball-TV-Konsum beim João-Normal-Portugiesen auf 1896 Minuten schätzen), aber kostenloser „Spitzenfussball“ vor der eigenen Haustür wird verschmäht.

Estadio do Algarve

Sie verpassten heute wirklich gar kein so schlechtes Spiel im hoffnungslos überdimensionierten Algarve-Stadion (die FIFA akzeptiert das Victoria Stadium in Gibraltar nicht als Spielort, wahrscheinlich gibt es nicht die vorgeschriebenen 300 VIP-Plätze). Nach 22 Sekunden bekam Zypern bereits die erste Ecke zugesprochen, doch die erste kleine Torchance hatte Gibraltar in der 8.Minute. Zyperns Torwart Panayi musste durch den Strafraum fliegen, um eine gefährliche Flanke wegzufausten. In der 10.Minute lief es allerdings sehr blöd für Gibraltars Auswahl. Eine verunglückte Flanke Zyperns aus dem Halbfeld wollten sowohl Torwart Deren Ibrahim als auch Innenverteidiger Roy Chipolina klären. Mannschaftskapitän Chipolina köpfte dabei mit dem Hinterkopf über seinen Schlussmann hinweg ins eigene Tor. Sah so aus, wie man sich den Letzten der FIFA-Weltrangliste vorstellt (Platz 206).

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Stadionpanorama

In der 15.Minute hätte Zypern (91. der Weltrangliste) fast noch nachgelegt, jedoch wurde das vermeintliche 0:2 wegen Abseitsposition nicht gegeben. Nun zeigte Gibraltar so langsam, dass sie mehr als eine Thekentruppe sind. Zunächst versuchte Spielmacher Liam Walker einen Distanzschuss, aber ein paar Meter fehlten dann doch (16.Min). Zyperns folgender Abschlag wurde wiederum abgefangen und der erneute Angriff führte noch in der selben Minute zu Gibraltars erstem Eckstoß. Walker schnippelte einen scharfen Ball in den Strafraum und die Mitspieler verpassten nur knapp. Walker war es dann auch, der mit einem Lattenkracher aus 30 Metern in der 25.Minute das nächste Ausrufezeichen setzte. Wenn er den Ball hatte, sah man schon, dass er mal höherklassig Fußball gespielt hatte (2012/13 26 Spiele und 2 Tore für den Portsmouth F.C. in Englands 3.Liga).

Der Ball rollt vor leeren Rängen

So war es ebenso Walker, der in der 30.Minute einen Traumpass in den Strafraum auf Stürmer Anthony Hernandez spielte, welcher nicht lange fackelte und zum 1:1 einschob. Vorarbeiter Liam Walker zieht übrigens ansonsten bei Xenias Lieblingsteam Europa FC im Mittelfeld die Fäden (ja, im Gegensatz zu mir hat sie den Länderpunkt Gibraltar bereits eingetütet), während Torschütze Hernandez für Konkurrent Gibraltar United die Stiefel schnürt. Die Rot-Weißen wirkten vom Tor beflügelt und in der 36.Minute hatte Panayi eine Doppelchance von Hernandez und Lee Casciaro zu entschärfen (letzterer ist übrigens mit zwei Treffern Gibraltars Rekordtorschütze). Und schon drei Minuten später musste sich der zypriotische Schlussmann richtig strecken, um einen Volleyschuss von Walker aus 25 Metern aus dem Torwinkel zu fischen.

Gibraltars mitgereiste Fans

Von Zypern war in dieser Phase des Spiels nicht viel zu sehen. Auffällig viele Ballontakte hatte lediglich Mittelfeldspieler Margaca. Ein Blick in die Vita des bärtigen 1,65m-Manns offenbarte, dass er ist gebürtiger Portugiese ist. Klar, dass der in seiner Heimat besonders motiviert ist. Er hat übrigens 11 U-Länderspiele für Portugal absolviert, aber seit 2008 ist er Profi auf Zypern und seit dem 17.03.2017 auch Staatsbürger des Inselstaates (war heute sein drittes Länderspiel). Und wo wir gerade bei den Laufbahnen zypriotischer Nationalspieler sind, Kapitän Charalambidis machte 2007/08 zusammen mit Jan Simak im Dress des FC Carl Zeiss Jena die 2.Bundesliga unsicher. Er war es auch in der 42.Minute, der einen schönen Steilpass auf die Sturmspitze Pieros Sotiriou spielte, doch der just zum dänischen Meister FC Kopenhagen transferierte Angreifer erwischte den Ball nur noch schwach mit der Fußspitze, so dass GFA-Torwart Ibrahim keine Probleme hatte die Kugel aufzunehmen.

Halbzeitstand 1:1

Nach der Pause blieb Gibraltar anfangs die bessere Mannschaft und wir witterten so langsam die Sensation. D könnten wir heute doch tatsächlich ihrem ersten Punktgewinn oder gar Sieg in einem Pflichtspiel beiwohnen. In der 56.Minute bekamen sie schließlich gefühlt einen Matchball in Form eines Freistoßes von der 16er-Kante. Doch Walker traf mit seinem fein gezirkelten Ball nur die Latte. Es blieb vorerst beim 1:1 und Zypern wollte natürlich nicht mit einer Punkteteilung zufrieden sein. Der Gast versuchte etwas das Tempo anzuziehen (sie hatten zweifelsohne die besseren Fußballer in ihren Reihen), nur Gibraltar fightete heftig und wir beklatschen jeden gewonnenen Zweikampf und hofften auf Konter, möglichst mit ruhenden Bällen für Liam Walker. In der 75.Minute sahen wir dann nochmals einen feinen Pass von Walker auf Hernandez in den Strafraum. Es hätte eine Kopie des Ausgleichstreffer werden können, aber diesmal konnte Hernandez nicht sofort abschliessen und verdribbelte sich.

Walkers Freistoß an die Latte

Es kam dann wie es kommen musste. Die immer platteren Kicker von der Südspitze der iberischen Halbinsel hatten in den letzten Spielminuten große Mühe den Gegner vom eigenen Strafraum fernzuhalten. In der 86.Minute ließ man den Anglo-Zyprioten Jason Demetriou (früher Leyton Orient, heute Southend United) von außen in den Strafraum flanken und Soteriou kam dort frei zum Kopfball. 1:2! Das war der Knock-Out der GFA-Auswahl. Nichtsdestotrotz hatten sie ein tolles Spiel geliefert und ein Punkt wäre verdient gewesen. Kenner der Auswahl waren sich einig, so nah waren sie bisher noch nie an einem Punktgewinn dran.

Gibraltar Die Hard Supporter Ziii

Uns hielt nach Abpfiff natürlich nichts mehr im Stadion und binnen fünf Minuten waren wir wieder im Ferienhaus. Bei milden Abendtemperaturen wurde nun eine Schachtel Super Bock vernichtet und das endgültig feststehende Wahlergebnis im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland erfuhr eine ausführliche Analyse durch uns (ergebnisoffen, versteht sich). Im Nachgang versuchte jeder irgendwie Schlaf zu finden, aber leicht war es nicht. Ein Nachbar hatte anscheinend ’ne Vogelzucht und es zwitscherte die ganze Nacht. War man eingepennt, weckten einen irgendwann die kläffenden Straßenhunde. Dazu stechende Plagegeister im Schlafzimmer und frühmorgens krähende Hähne irgendwo im Barrio. Wahrscheinlich auch beim Vogelfreund nebenan. Erste Nacht Sofa, zweite Nacht Heavy Metal Open Air und Katzenangriff, dritte Nacht diese Nummer… Es ist definitiv kein Erholungsurlaub.

Igreja do Carmo in Faro

Samstag setzten wir alle anfangs auf lange im Bett bleiben. Daher fiel auch das Frühstück aus und um 13 Uhr ging es nach Faro ins Stadtzentrum. Erfreulicherweise war Parken ab 13 Uhr umsonst, unerfreulicherweise hatte die Igreja do Carmo mitsamt ihrer Knochenkapelle um 13 Uhr ihre Pforten geschlossen. Diese Sehenswürdigkeit konnten wir also schon mal knicken. Immerhin war unser ausgewähltes Lokal fürs Mittagessen gleich um die Ecke. Im „Maktostas“ werden riesige Grillsandwiches serviert (7,50€), die weit über die Stadtgrenzen hinaus gerühmt werden. Unsere Wahl fiel heute aber auf die Tagesgerichte (6,50€). Ziii hatte Rippchen vom schwarzen Schwein (mit Fritten, Reis und Möhre), Xeniii Bacalhau à Bras (Stockfisch mit Ei, Zwiebeln und Kartoffelstiften) und ich gegrillte Schinkensteaks (gleiche Beilagen wie beim Ziii). Dazu tranken wir frisch gepresste O-Säfte (1,50€) und Bica hinterher (0,60€).

Portugiesisches Kassler

Jetzt war ich endgültig gierig auf Sightseeing. Faro fehlt erfreulicherweise die touristische Hektik anderer Städte an der Algarve. 96% der ausländischen Touristen landen hier zwar, aber verweilen in der Regel nicht in Faro. Höchstens am Tag der Abreise wird eventuell noch ein Strandbesuch, Shopping im Forum Algarve oder Sightseeing in der Innenstadt eingeschoben. So bekommt man weder von seriösen, noch unseriösen Menschen Waren oder Dienstleistungen auf der Straße angeboten. Auch Schnorrer gab es keine und das Preisniveau in der Gastronomie war bis auf wenige Ausnahmen niedrig.

Faro Marina

Die Baixa von Faro hat ein paar nette Einkaufsstraßen und eine Mischung aus sanierten und unsanierten historischen Gebäuden empfängt die Bummler. Sehr nett ist auch der Bootshafen an der Lagune von Faro. Der liegt vor den Toren der Altstadt, deren Stadtmauer noch zu weiten Teilen erhalten ist. Hinter den Mauern erwartete uns u.a. das historische Rathaus und die Kathedrale (Sé). Die Kathedrale hat noch ihren gotischen Turm aus dem Mittelalter bewahren können, während der Rest der Kirche beim großen Beben von 1755 zerstört wurde. 1760 begann man dann eine neue dreischiffige Kirche im Stile der Spätrenaissance zu errichten. Im Inneren lohnen die goldenen Rentabel, die schönen Azulejos und auch ein Gang auf den Turm, wo einem ein schöner Ausblick auf die Lagune von Faro gewährt wird.

Und apropos Lagune, für 20€ kann man die Lagunenlandschaft (Nationalpark Ria Formosa) mittels einer Bootstour erkunden. Dafür waren wir aber zu knauserig. Und auch bei einer kleinen Erfrischung setzten wir auf „Geiz ist geil“. An der Kathedrale, sowie an der Stadtmauer sollte ein Espresso (Bica) 1€ kosten. Daher suchten wir uns außerhalb der Stadtmauern etwas und fanden gegenüber des brasilianischen Konsulats eine kleine Café-Kiosk-Combo, wo Bica nur 0,50€ und Milchshakes 1,50€ kosteten. Also schnell einen Koffein-Shot gegönnt und dann zum Erfrischen die Fürst-Pückler-Edition der Milchshakes bestellt.

Milkshakes Fürst Pückler Edition

Hernach schlenderten wir zurück zum Auto und bevor die nächsten touristischen Tagespunkte angegangen wurden, steuerten wir noch kurz Faros „Mix Markt“ an. Die deutsche Supermarktkette für russische und andere osteuropäische Lebensmittel ist mittlerweile in gefühlt jeder portugiesischen Stadt zu finden und wir hatten uns überlegt, dass ein Plombir jetzt der perfekte Snack für Zwischendurch wäre. Und das perfekte Abendessen für später wären Pelmeni mit saurer Sahne. Konnte ich dank dieses Einkaufserlebnisses neben Portugiesisch, Deutsch und Englisch auch noch etwas Russisch auf diesem Trip sprechen.

Die Ruinen von Milreu

Nachdem die Einkäufe „zuhause“ abgeliefert waren, steuerten wir die Römische Ruinen von Milreu an. Auf dieses Highlight in der Gemarkung Estoi (8km nördlich von Faro) hatten uns die ausliegenden Prospekte in unserem Domizil aufmerksam gemacht. Wir fanden hier Überreste einer Villa rustica vor (ein römisches Landgut). Im 19.Jahrhundert haben Archäologen dort fleißig gebuddelt und die Fundamente der riesigen Villa freigelegt. Die Raumaufteilung ist sehr gut nachvollziehbar und auch einige Wand- und Fußbodenmosaike kamen zurück ans Tageslicht.

Römischer Sakralbau

Am imposantesten ist allerdings der noch verhältnismäßig gut erhaltene Sakralbau der Anlage. Hier wurden erst religiöse römische Kulte abgehalten und wahrscheinlich im 6.Jahrhundert wurde daraus eine christlichen Kirche, wovon das nachträglich gemauerte Taufbecken zeugt. Selbst unter der Herrschaft der Mauren soll der Raum noch als muslimischer Gebetsraum genutzt worden sein. Bis der Kuppelbau zusammen mit der römischen Villa im 10.Jahrhundert, vermutlich durch ein Erdbeben, einstürzte. Die Besiedlungskontiniutät des Ortes endete und erst im 16.Jahrhundert wurde ein kleines Guthaus errichtet. Jenes Gebäude dient heute Künstlern als Atelier und wir schauten ihnen mal kurz bei der Arbeit über die Schulter.

Schöne römische Mosaike

Danach wollten wir einen coolen Abend am Strand verbringen. Es hieß am Strand von Faro ist nicht so viel los, weil die Touristen ja so gut wie nie in Faro sind und höchstens vor ihren Abflügen nochmal Zeit am Sandstrand totschlagen. Als wir allerdings kurz nach 17 Uhr da aufschlugen, gab es kilometerweit keinen freien Parkplatz und Sand war vor lauter Menschen auch wenig zu sehen. Es waren zu 96% Einheimische und es schien als würde halb Faro hier abhängen. Dann erfuhren wir, dass heute (10.Juni) Nationalfeiertag ist (bis 1974 übrigens „Tag der portugiesischen Rasse“). Irgendwie war von diesem Feiertag bisher gar nichts zu merken, doch jetzt spürten wir ihn schmerzhaft. Schweren Herzens gaben wir das Projekt Strandtag auf.

Praia de Faro

Eine Alternative hatten wir zum Glück beim Turnen durch die Römerruinen entdeckt. Denn an der Algarve gibt es ja neben Meer auch Berge und nördlich von Estoi erhoben sich die ersten davon. Wir pirschten uns also mit dem Auto an den 347 Meter hohen Cerro do Malhão ran und erklommen die Spitze des Dominanzberges der Kette Serra do Monte Figo. Hier hatten wir einen herrlichen Ausblick auf Faro, Nachbarstadt Olhao und den Atlantischen Ozean. Wir blieben bis nach Sonnenuntergang, hofften leider vergeblich auf ein Nationalfeiertagsfeuerwerk und ließen den Abend anschließend gemütlich in der Ferienwohnung ausklingen.

Sonnenuntergang an der Algarve

Es gab die erwähnten Pelmeni und der Musiksender Viva unterhielt uns mit den Videos von diversen House-Acts. Es fiel auf, dass über 50% der Machwerke an irgendwelchen schönen Stränden gedreht wurden. Der Rest spielte meist in Clubs. Oder an Stränden und in Clubs. Es scheint nicht viel Kreativität von Nöten zu sein, um elektronische Clubssounds für Viva oder Youtube zu visualisieren. Würden wir hier an der Algarve auch prima hinkriegen. Ein paar schöne Menschen am Strand filmen, eine Clubnacht in Faro oder Albufeira ebenso und dann noch das romantische Protagonisten-Paar mit dem Jeep durch die Berge fahren lassen und Zärtlichkeiten bei einem einsamen Sonnenuntergang festhalten. Luis Fonsi singt die Hook, Pitbull rappt ein bißchen, David Guetta dreht ein paar Knöpfe und wir liefern das Video dazu. Fertig ist der Sommerhit!

Unsere Terrasse

Am Sonntag musste ich leider schon um 9 Uhr zum Flughafen. Als nicht klassisch Urlaubsreisender hatte ich unterschätzt, was am Wochenende an so einem Ferienflieger-Flughafen los ist. Aber außer in Tel Aviv und Eilat werde ich mich weiterhin sträuben unfreiwillig früher als eine Stunde vor Abflug an einem Flughafen aufzutauchen. Und auch diesmal hieß es „Spiel, Satz und Sieg“ für den Don. Pünktlich zur Durchsage für meinen Flug „[…]Please proceed immediately to gate C7“ war ich durch die Sicherheitskontrolle und drei Stunden später landete ich Hannover. Jetzt wo die Hochsaison des Normalurlaubers beginnt, werde ich erstmal eine kleine Reisepause einlegen und Geld für die Spätsommer- und Herbstsaison verdienen. Bis dahin zehre ich von den zahlreichen Trips der letzten Zeit und mache vielleicht noch ein paar Wochenendausflüge. Im Sommer ist die Heimat ja manchmal auch ganz schön.

Das Startkapital dieser Airline wurde höchstwahrscheinlich am Spielautomaten Mint 2000 erwirtschaftet

*Die Alheira erfanden zum Christentum zwangskonvertierte Juden im 16.Jahrhundert. Der ultimative Beweis ihres Bekenntniswechsels war nun Schweinefleischverzehr. Da aber viele Juden weiterhin heimlich ihre alte Religion praktizierten, wurde koscheres Fleisch mit Brotteig zur Wurst vermengt und räucherte so optisch unauffällig neben Schweinswürsten in den gemeinsamen Räucherofen der Dorfgemeinschaft.

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